Training um jeden Schmerz – wie viel Qual rechtfertigt die Norm?

Menschen mit Behinderung verbringen oftmals sehr viel Zeit ihres Lebens damit, Behandlungen und Trainingsmethoden durchzuführen, um noch weniger von der „gesellschaftlichen Norm“ abzuweichen. In einem anderen Blogbeitrag habe ich vor einiger Zeit schon darüber geschrieben, wie viel Zeit dafür wirklich drauf geht. Sehr häufig entstehen dadurch Schmerzen und ein eklatanter Verlust an wertvoller Freizeit. Ist das Erstreben, dem Zustand einer „gesellschaftlichen Norm“ zu entsprechen gerechtfertigt und ist es vielleicht sogar notwendig, so wenig wie möglich davon abzuweichen, um in der Gesellschaft bestehen zu können?

Bevor ich näher auf meine persönliche Meinung und eine Darstellung der gesellschaftlichen Norm eingehe, möchte ich eine Geschichte erzählen, die mir vor einigen Tagen, genau vor meiner Haustür passiert ist:

Gemeinsam mit meiner Assistenz und meinem Hund verlasse ich mein Haus, für die Gassi-Runde. Wie immer fahre ich im Elektrorollstuhl. Schon von weitem höre ich ein weinendes Kind. Ich höre, dass es sagt, dass es so nicht laufen kann und dass das weh tut. Ich verstehe nicht, welchen Zusammenhang laufen und Schmerzen haben, bis ich das Kind sehe. Es trägt bei 37° in der Sonne eine Strumpfhose und darüber Ganzbein-Orthesen. Das Gangbild erscheint mir unsicher, es hält sich auch am Kinderwagen fest, der von einer erwachsenen Person geschoben wird. Die Familie läuft relativ schnell, das Kind hat offensichtlich Schwierigkeiten, bei diesem Tempo mitzuhalten. Ich sehe, dass eines der Beine in den Orthesen weniger belastet wird, als das andere. Das Kind sagt noch mal, dass es Schmerzen hat und dass es nach Hause möchte. Daraufhin zeigt die erwachsene Person mit dem Finger auf mich und sagt zu dem Kind: „Wenn du nicht mit deinen Orthesen läufst, wirst du sowie die!“

Ich war sehr überrascht über diese Reaktion der erwachsenen Person, bin ich doch immer davon ausgegangen, dass Eltern von Kindern mit Behinderung durch die eigene Betroffenheit ein bisschen Sensibilität für Themen wie Ableismus aufbringen konnten. Stattdessen liefert mir diese Familie das beste Beispiel dafür, dass selbst unter Familien, in denen eine Behinderung vorkommt, aber sicherlich auch unter Menschen mit Behinderung ansich, ein gewisser Druck herrscht, sich an gesellschaftlichen Normen anzunähern und anzupassen, koste und schmerze es, wie es wolle.

Wie definiert sich die gesellschaftliche Norm, von der hier gesprochen wird:

Unter einer gesellschaftlichen Norm verstehen wir alle Eigenschaften, die ein durchschnittlicher Mensch hat. Dies kann im Bezug auf das Aussehen, körperliche und geistige Fähigkeiten und auf politische und sexuelle Orientierungen gemeint sein. In diesem Beitrag beziehen wir uns vor allem auf körperliche und geistige Fähigkeiten, die bei einem Menschen, der der durchschnittlichen, gesellschaftlichen Normen spricht eben Fähigkeit beinhalten, wie laufen, sprechen und handeln. Grundsätzlich geht es aber nicht darum, überhaupt laufen zu können, sondern auch ein flüssiges Gangbild zu haben, deutlich zu sprechen und zu handeln, wie die Gesellschaft es wünscht.

Warum möchten Menschen der gesellschaftlichen Norm entsprechen?

Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein. Bei vielen ist es die Angst davor, aufzufallen. Nur wenige möchten mit ihren individuellen Voraussetzungen, die körperlicher Natur oder in ihrem Handeln begründet sind, auffallen oder gar Blicke auf sich ziehen. Einfach anonym in der Masse untergehen und daran teilhaben ist oftmals eine verlockende Vorstellung. Vor allem im Hinblick darauf, dass Menschen mit Behinderung schon allein mit ihrer Anwesenheit oftmals Aufklärungsarbeit leisten und den Gedanken der Inklusion fördern. Dies kann auf Dauer sehr anstrengend sein, denn überall wo sich Menschen mit Behinderung bewegen, ist mindestens eine Person, die noch nie zuvor eine Person, zum Beispiel im Rollstuhl gesehen hat.

Viele befürchten aber auch persönliche Nachteile, wenn sie nicht gesellschaftlichen Normen entsprechen. Diese Befürchtungen sind leider nicht haltlos, immer wieder gibt es Nachrichten darüber, die Menschen mit Behinderung, anderer Hautfarbe oder sonstigen Merkmalen bei der Jobsuche oder zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt und diskriminiert werden. Auch Berichte von gewaltvollen Übergriffen auf der Straße hören, sehen und lesen wir oft.

Meine Meinung – wie viel Qual rechtfertigt die Norm?

Um zu verstehen, warum ich hier von Qual spreche, müssen wir uns damit beschäftigen, was Menschen mit Behinderung tun, um sich der gesellschaftlichen Norm anzunähern. Hier ist zu beachten, dass jeder Mensch unterschiedlich ist und somit eigene Strategien und Vorgehensweisen anwendet, um den persönlichen ideal- oder Normzustand zu erreichen. Ich werde der Zusammenhang an 2 verschiedenen Beispielen erläutern:

Das Kind mit den Orthesen:

Zu Beginn dieses Textes habe ich den Vorfall schon geschildert. Eine Familie mit mehreren Kindern war vor meinem Haus unterwegs. Eines der Kinder trug beiden Beinen Orthesen. Das Kind weinte und hatte offensichtlich Schmerzen. Die erwachsene Person, die hier als Mutter bezeichnet wird, zeigte auf mich im Rollstuhl und sagte zu dem Kind, wenn es nicht mit den Orthesen laufen würde, würde es werden wie ich.

In diesem Fall wird seitens der Mutter ein großer Druck auf das Kind aufgebaut und eine Person mit Behinderung (ich) als negatives Beispiel dafür eingesetzt, was passieren könnte, wenn das Kind die Schmerzen nicht ertragen würde. Abgesehen davon, dass es schon mehr als beleidigend ist, eine Person, deren Geschichte sie selbst nicht kennt, als negatives Beispiel einzusetzen, ist es aus meiner Sicht nicht angemessen, seinem Kind Schmerzen zuzufügen, damit es vielleicht annähernd gesellschaftlichen Normen entspricht. Zumal bei vielen Menschen, die aufgrund einer Behinderung Probleme beim Laufen haben, das Gangbild nach und während der Behandlung mit Orthesen, die manchmal sogar ein ganzes Leben lang andauert, niemals ganz normal aussehen wird.

Wir leben in einer Zeit, in der es immer normaler wird, mit einer Behinderung zu leben und Chancen zu haben. Sicherlich ist es gut, richtig und wichtig, dass die Funktion des Laufens, wenn möglich erlernt und erhalten wird, zumindest, solange es noch Gebäude mit Stufen gibt. Dies muss aber nicht unter Gewalt und Schmerzen passieren und schon gar nicht unter Schreckensbeispielen. Vor allem nicht dann, wenn im Endeffekt das Gangbild unter Umständen nicht mal der gesellschaftlichen Norm entspricht. Problematisch ist dann nämlich, dass die erwachsene Person zwar laufen kann aber, weil das Gangbild nicht „normal“ ist, trotzdem Diskriminierung erfährt. Sollte also das Ziel der Qual sein, im späteren Leben Diskriminierung zu vermeiden, wäre das Ziel somit verfehlt und die Qualen (in diesem Fall Schmerzen) völlig umsonst gewesen.

Um noch einmal kurz zum Negativbeispiel zurückzukommen, das durch das Zeigen auf meine Person generiert wurde … Durch Aktionen wie diese vermitteln Eltern ihren Kindern, dass es schlecht ist, eine Behinderung zu haben und offen mit ihr umzugehen. Sie machen ihren Kindern Angst davor, offen mit ihrer Behinderung umzugehen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und zu ihrem Körper zu stehen. Dadurch entsteht ein heftiger, psychischer Druck, der natürlich dazu führt, dass das Kind die Schmerzen auszuhalten versucht, weil es keinen „schlechten Körper“ haben möchte. An diesem psychischen Druck können Kinder nicht wachsen und wenn es ganz schlecht läuft, werden sie, wenn es in ihrer späteren Zukunft notwendig ist, sich nicht für ihre Rechte einsetzen, weil sie sich im Zweifel sogar für ihre Behinderung schämen und verstecken möchten.

ABA-Therapie bei Autist*innen

Bei dieser Art der Therapie sollen Autist*innen dazu gebracht werden, ihre individuellen Verhaltensweisen abzulegen und gegen die, von der Norm geforderten Verhaltensweisen „auszutauschen“. Durch das Hinzufügen eines positiven Reizes (zum Beispiel geben von Spielzeug) wird das Kind belohnt. Durch das Wegnehmen eines positiven Reizes oder durch das Hinzufügen eines negativen Reizes (wegnehmen von Spielzeug oder anschreien) findet eine Bestrafung statt. Und dies geschieht immer dann, wenn das Kind oder die therapierte Person eine Verhaltensweise zeigt, die entweder typisch nicht-autistisch ist oder typisch autistisch ist. Typisch nicht-autistisch wird belohnt und typisch autistisch bestraft.

Dadurch entsteht ein unheimlicher Druck auf die Person, die damit therapiert wird, ihre Identität, ihre Verhaltensweisen und alles was sie ausmacht abzulegen und die Norm zu spiegeln (auch Maskierung genannt). Als Nicht-Autistin vermag ich nicht zu schreiben, was das mit Menschen machen kann ich möchte hierfür aus einem Blogbeitrag zitieren:

Das Chamäleonkostüm hatte viel von mir gefordert; es hatte mich meiner Seele und meiner Identität beraubt. Ich habe mich vier Jahre lang nichtautistisch verhalten, obwohl ich nun einmal Autistin bin. Genau diese Tatsache macht es für mich zum autistischen Burnout und nicht zum klassischen Burnout. Ich hatte keine Energie mehr, weil ich vier Jahre lang meine Energie in eine Spiegelung gesteckt habe. Ich befand mich in einer Mischung aus Burnout und Depression.

Sarinijha

Es ist zweifellos, dass diese beiden Beispiele verdeutlichen, wie sehr Menschen mit Behinderung unter der gesellschaftlich gewollten Anpassung an die Norm leiden können. Ja, ich bin wie ihr wisst eine vehemente Gegnerin von Darstellungen über Leid und Mitleid. Doch sprechen wir in diesem Beitrag aber auch immer wieder über Qualen und Qualen verursachen Leid. Viele Autist*innen sprechen im Zuge der ABA-Therapie sogar von Misshandlung. Da frage ich mich, rechtfertigt der Wunsch der Gesellschaft, dass Menschen „normal sind“ die Anwendung von misshandelnden Maßnahmen anderer?

Ich persönlich sehe keine Notwendigkeit darin, der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, ich bin da doch eher der Typ, der sich selbst und andere dahingehend bestärkt und empowert, zu sich und seinen Individualitäten zu stehen (oder zu sitzen) und die Vielfalt in unsere Welt zu tragen. Niemand muss gezwungenermaßen irgendetwas können und das eventuell unter Schmerzen erlernen. Der gemeine Bürger würde jetzt sicherlich sagen, dass ich, wenn ich nichts dafür tun würde, akzeptiert zu werden, auch keine Akzeptanz erwarten kann. Doch kann ich! Akzeptiere mich einfach, wie ich bin, dann akzeptiere ich dich auch.

Zum Weiterlesen:

Creautism – autistischer Burnout

Gedankenkarussell – was ist an ABA eigentlich so schlimm?

Autismus – Keep calm and carry on

Verkopft und verzopft – Linkliste ABA

2 Kommentare zu „Training um jeden Schmerz – wie viel Qual rechtfertigt die Norm?

  1. Zur Belohnung oder Bestrafung, bzw. gemäß dem Wording von ABAlern positive oder negative Verstärkung, ist noch zu sagen, dass die Lieblingsdinge/Spielzeuge des Kindes oder Nahrungsmittel dafür benutzt werden.
    Betrifft es das Spielzeug, dann hat das Kind während der Therapie nur kurz Zugriff auf das Spielzeug.
    Es wird ihm oft nach wenigen Sekunden bereits wieder weggenommen um zur nächsten „Aufgabe“ zu kommen, die dann ähnlich „belohnt“ bzw. verstärkt wird.

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