Endlich Daten für die Intensivpflege – ein Interview zum Pflege-Thermometer

Nicht zuletzt in der Diskussion um GKV-Ipreg ist aufgefallen, dass es kaum Daten über die Intensivpflege gibt. Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. hat sich unter anderem GKV-Ipreg zum Anlass genommen, im Rahmen des Pflege-Thermometers eine Datenbasis zu schaffen. Mitmachen können alle Menschen in Deutschland, die Intensivpflege zu Hause, in einer Wohngemeinschaft oder in einer stationären Einrichtung bekommen.
Anlässlich der aktuell stattfindenden Befragung habe ich Michael Isfort einige Fragen gestellt:


Was ist das Pflege-Thermometer und wie funktioniert es?

Die Pflege-Thermometer sind eine Reihe von Befragungen des Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. in Köln. Die Studien werden mit Fördergeldern finanziert. Dies ermöglicht uns, zeitlich und inhaltlich unabhängig zu arbeiten und die Ergebnisse zeitnah und kostenlos der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Die einzelnen Pflege-Thermometer greifen unterschiedliche Bereiche der pflegerischen Versorgung auf, die von großem Interesse sind. Das aktuelle, zehnte Pflege-Thermometer, nimmt den Bereich der häuslichen Intensivversorgung in den Fokus, da hier momentan viel Bewegung und Diskussion stattfindet. Durch das GKV-IPReG werden gesetzliche Vorgaben für diesen Versorgungsbereich beschlossen, die für die hier versorgten Menschen sehr bedeutsam sind.

Warum wurde das Pflege-Thermometer entwickelt?

Eine gute Datengrundlage ist gerade auf der politischen Ebene sehr wichtig. Denn wenn man die eigenen Argumentationslinien mit fundierten Daten belegen und stützen kann, wird es schwer für die Entscheidungsträger, diese zu übergehen. Um sich also erfolgreich in Debatten zu Veränderungen und Entwicklungen einbringen zu können, braucht man Fakten, die die Realität darstellen, vorliegende Probleme und Versorgungslücken aufzeigen und das, was die Menschen in diesem Bereich tatsächlich brauchen. Genau diese Daten schaffen wir mit den Befragungen der Pflege-Thermometer.

Das aktuelle Pflege-Thermometer ist ein ganz besonderes, weil wir erstmals nicht nur die Leitungen und Mitarbeiter der Pflege befragen. Diesmal liegt der Fokus auf den Hauptakteur*innen dieses Feldes: den versorgten Menschen. Was macht die Situation aus? Wie möchten sie aktuell oder in Zukunft leben und mitentscheiden? Was ist ihnen wichtig? Wie bewerten Sie die aktuelle Versorgung? Was klappt gut und wo gibt es Lücken und Probleme?

Wer kann und sollte an der Befragung teilnehmen?

Teilnehmen können alle Menschen, die zu Hause, in stationären Einrichtungen oder in Wohngemeinschaften (WG’s) intensivpflegerisch versorgt sind. Sollten diese das nicht können, weil sie z.B. zu eingeschränkt sind, können auch Zu- und Angehörige in deren Sinne die Fragen beantworten. Zu Beginn der Befragung wird danach gefragt, ob die Person selbst oder ein*e Stellvertreter*in den Fragebogen ausfüllt.

Wie barrierefrei ist die Befragung? (Vor allem im Hinblick auf einfache Sprache, Kompatibilität mit Screenreadern)

Wir haben uns bemüht, die Befragung so auszurichten, dass sie beantwortbar ist. U.a. haben wir dazu alle Fragen und Antwortmöglichkeiten vorformuliert, sodass ein Ankreuzen alleine ausreicht. Darüber hinaus haben wir die Befragung aufgeteilt, da eine Bearbeitung sehr zeitaufwendig sein kann. Deshalb besteht nun die Möglichkeit Pausen einzulegen. Die Befragung wird automatisch zwischengespeichert. Bei Wiederaufnahme wird immer die Seite geöffnet, die man zuletzt bearbeitet hatte. Darüber hinaus wurde der Befragungszeitraum auf 3 Monate ausgedehnt, um möglichst allen eine Bearbeitung in der individuellen Geschwindigkeit zu ermöglichen.

Es wurde Wert auf eine technische Barrierefreiheit gelegt. Die Befragung kann von einer Screenreader-Software erfasst, gegliedert und gelesen sowie komplett ohne Maus, per Tastatur gesteuert werden.

In die Erstellung des Fragebogens wurden Menschen einbezogen, die in diesem Bereich selbst versorgt sind. Dadurch sollte nicht nur bestmöglich sichergestellt werden, alle relevanten Aspekte abzufragen. Wir baten sie auch um deren Einschätzung, ob man Fragen und Antwortmöglichkeiten aus deren Sicht verständlich und beantwortbar sind. Einige Fragen wurden in diesem Sinne entsprechend überarbeitet.

Wie werden die Daten ausgewertet und was passiert mit den Daten, nach der Auswertung?

Die Daten werden ausschließlich im Institut vom Team der Wissenschaftler ausgewertet. Nur wir haben den Zugang und sichern die Daten auf den Servern unseres Forschungsinstituts. Keine Organisation, keine Krankenkasse, kein Pflegeanbieter oder eine andere Firma hat Zugriff auf die Daten oder bekommt diese von uns ausgehändigt. Die Daten werden vertraulich behandelt, nicht weitergegeben und nur für die Studie ausgewertet. Hier werden aber nur zusammenfassende Aussagen getroffen, sodass niemand zurückverfolgt werden kann. Alle Daten werden für den Bericht ausgewertet, der kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Wir speichern Teile der Daten für 10 Jahre, so wie es der Datenschutz vorschreibt; hier sind aber keine personenbezogenen Daten enthalten, wie z.B. IP-Adressen. Diese werden nach der Datenanalyse vollständig gelöscht.

Wie kann das Pflege-Thermometer zu einer Verbesserung der Situation in der Pflege/Versorgung beitragen?

Wir wollen die Studie noch im Herbst in Teilergebnissen vorstellen. U.a. wollen wir auf dem Münchener außerklinischen Intensivpflegekongress schon erste Ergebnisse präsentieren. Wir wollen damit einen Beitrag leisten, die Diskussionen rund um das IPReG weiter führen zu können und ggf. Nachbesserungen einfordern zu können. Die Teilbefragung der Mitarbeitenden kann darüber hinaus auch genutzt werden, um z.B. Schulungen zu konzipieren.

Konnten nach vorherigen Pflege-Thermometern nachhaltige Änderungen in den befragten Bereichen festgestellt werden?

Es ist schwierig einzuschätzen, inwieweit eine Untersuchung zu Änderungen führt. Wir wissen, dass wir das Thema des Fachkräftemangels in der Pflege mit unseren Studien immer wieder mit ins Bewusstsein geholt haben und dass auch politische Akteure sich auf unsere Daten bezogen haben. Ebenso haben wir mit dem Pflege-Thermometer zum Thema Demenz im Krankenhaus eine große Breitenwirkung erzielen können, sodass zahlreiche Initiativen für eine Verbesserung im Klinikalltag in den Krankenhäusern begründet wurden. Verweise auf unsere Arbeit finden wir dabei immer wieder. Wichtige Bewegungen dabei ursächlich auf unsere Studien zurückzuführen, wäre sicherlich gewagt oder sogar ein bisschen größenwahnsinnig. Dazu neigen wir nicht. Wir glauben aber fest daran, dass wir ohne Daten weniger Chancen haben, Themen zu platzieren oder Anregungen zu geben und in die Gesellschaft einzubringen. Alleine der Umstand, dass zu unseren Themen keine Daten durch andere, wie z.B. Krankenkassen oder Ministerien erhoben werden, zeigt uns, dass wir hier immer wieder sensible Felder berühren.

Wird das Pflege-Thermometer zur Intensivversorgung ab jetzt jährlich durchgeführt?

Leider nein. Wir sind als Institut ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Wir müssen für unsere Arbeiten Gelder organisieren und Förderer und Spender überzeugen. Insofern ist dies für uns aktuell die einmalige Chance, geordnete Kennzahlen zur Versorgung von Menschen mit Intensivpflegebedarf zu organisieren. Dies können wir nicht jedes Jahr wiederholen, selbst wenn wir es wollten.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für Ihre Untersuchung: welcher wäre das?

Unser Wunsch wäre, dass wir so viele überzeugen könnten, sich zu beteiligen, dass wir Daten liefern können, die man nicht mehr wegdiskutieren kann. Es ist immer einfach, Einzelfälle als solche abzutun oder als nicht repräsentativ zu bezeichnen. Das fällt wesentlich schwieriger, wenn man die Ergebnisse von 1.000 oder 2.000 Personen vorlegen kann. Damit würden wir ein Gewicht erzeugen können in der Debatte um eine gute Versorgung.


Hier geht´s zur Befragung: https://ww3.unipark.de/uc/Pflege-Thermometer2021/


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