Paralympics – ein Spagat zwischen Exklusion und Inklusion

Die Olympischen Spiele sind ein Sportfest der Superlative. Alle 4 Jahre messen sich Sporttreibende in vielen verschiedenen Disziplinen. Was mensch jedoch schmerzlich vermisst, sind Personen mit Behinderung. Bei den Olympischen Spielen finden Sie keine Bühne. Erst wenn diese zu Ende sind, öffnet sich das Tor zu einer Sonderwelt. Die paralympischen Spiele. Sporttreibende aus allen Nationen, die eine Behinderung haben treten hier gegeneinander in Disziplinen wie Rollstuhlbasketball oder Bahnradfahren an.

Das Prinzip „Inklusion“ und warum eine Sonderform genau das nicht ist:

Das Ziel von Inklusion ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt, selbstbestimmt in allen Lebenslagen teilhaben und teilnehmen können. Ob in der Schule, auf der Kirmes oder eben beim Sport, wenn Inklusion wirklich gelebt wird, spielt eine Behinderung keine entscheidende Rolle. Auch nicht die, dass aufgrund der Behinderung „Rücksicht“ genommen werden muss. Durch den gezielten Einsatz von Hilfsmitteln und Nachteilsausgleichen gibt es Möglichkeiten, wie gleichberechtigte Teilhabe am Sport im Verein und auch eine Teilnahme am Wettkampf möglich ist.

Sonderformen, in denen Menschen mit Behinderung gegen andere Menschen mit Behinderung antreten, werden im Sport oftmals als inklusiv bezeichnet. Problematisch ist dabei, dass es eben nicht bedeutet, Inklusion zu leben, wenn Menschen mit Behinderung ausschließlich gegen andere Menschen mit Behinderung antreten oder mit anderen Menschen mit Behinderung gemeinsam Sport treiben. Das ist Exklusion, denn es fehlt die gleichberechtigte Teilhabe an der Sportgruppe oder dem Wettkampf, der regulär stattfindet.

Hier mal als Beispiel grafisch dargestellt:

Paralympische Spiele als Katalysator für Ableismus und als Nährboden für Vorurteile

Ja, ich betrachte die paralympischen Spiele sehr kritisch. Für mich sind sie eigentlich nicht viel mehr, als gelebter Ableismus, der unter dem Deckmantel der Sichtbarkeit bestehende Vorurteile verfestigt oder gar hervorruft.

Ich weiß, das ist eine steile These. Ich möchte das ganze mal verdeutlichen.

Der gesamte Ablauf der paralympischen Spiele ist dem Ablauf der Olympischen Spiele nachempfunden. Es gibt eine große Eröffnungsfeier, mit viel Tamtam und Personen, die die Fahnen der Nationen ins Stadion bringen, es gibt Wettkämpfe in verschiedenen Disziplinen, an verschiedenen Austragungsorten und ein Großteil des Spektakels, inklusive Abschlussveranstaltung wird live im Fernsehen übertragen.

Eine Liveübertragung im Fernsehen ist schon was Feines. So viele Menschen mit Behinderung, die während den paralympischen Spielen über Deutschlands Mattscheiben flimmern, sehen wir nicht alle Tage. Problematisch dabei ist nicht, dass Menschen mit Behinderung im Fernsehen zu sehen sind, sondern die Aussagen der Berichterstattenden. Egal ob während der Liveübertragung oder in der Besprechung im Morgenmagazin, überall fallen Sätze wie „das sind wahre Helden“ oder „jetzt hat er/sie uns gezeigt, dass auch Menschen mit Behinderung (hier auch gerne Handikap verwendet) etwas erreichen können.“.

Diese Aussagen sind beide sehr ähnlich, so unterschiedlich sie im ersten Moment erscheinen möchten. Die erste reduziert eine Person auf ihre Behinderung und macht sie dadurch, dass sie „trotz“ ihrer Behinderung etwas geleistet hat oder überhaupt an dem Wettkampf teilnimmt, zu einem Helden oder einer Heldin.

Bei der zweiten Aussage passiert etwas ähnliches, auch wenn sie in ganz anderer Gestalt daherkommt. Der Hintergrund dieser Aussage ist ebenfalls, dass Menschen mit Behinderung es generell schwerer haben würden, erfolgreich zu sein. In einem Kontext mit diesem, wird das Wort Behinderung sehr oft durch ein euphemistisches (verschönertes) Wort wie „Handikap“ oder „besondere Bedürfnisse“ ersetzt. Damit wird ein Signal ausgesendet, dass es nicht gut ist, sich als Mensch mit Behinderung zu definieren oder eine Behinderung zu haben. Es ist eine Art „Deckmantel des Schweigens“, der damit über die Behinderung der Person gehüllt wird. Das Ende der Aussage bedeutet, dass der oder diejenige, dessen Aussage das ist, der Meinung ist, dass Menschen mit Behinderung nicht erfolgreich sein können und wenn doch, müssen Sie dies unter Beweis stellen.

Das sind beides Vorgänge in Gedankenstrukturen, die man Ableismus nennt, also Behindertenfeindlichkeit. In Deutschland sind diese leider sehr verankert, so sehr, dass sie Vorurteile genannt werden. Viele Menschen denken so und Aussagen von Menschen im Fernsehen, die zum Beispiel einen Bericht kommentieren, in dem Menschen im Rollstuhl Basketball spielen, bestätigen diese Vorurteile, was dazu führt, dass die Menschen glauben, dass es richtig ist und so sein muss.

Auch die Aufmachung als eigenes, großes Sportevent unterstützt die Gedanken, dass Menschen mit Behinderung sich lediglich unter sich messen können und Sonderregelungen brauchen. Die Sportarten, die gespielt werden, haben Ähnlichkeit mit Sportarten, die bei den Olympischen Spielen stattfinden. Es gibt oft nur eine Nuance, die sich verändert hat, damit die Sportart barrierefrei ist. Aber grundsätzlich ist die gesamte Veranstaltung wie schon erwähnt den Olympischen Spielen nachempfunden. Da stellt sich mir persönlich schon die Frage, warum es nicht möglich ist, Sportarten, die in den Paralympics stattfinden, in die Olympischen Spiele zu integrieren. Je nach Ausprägung einer Behinderung wäre es aus meiner Sicht sogar möglich, dass eine Person mit Behinderung, wenn sie das möchte, mit entsprechenden Nachteilsausgleichen am regulären Wettkampf teilnehmen kann. Andersherum geht das sicherlich auch, bestimmt gibt es auch Personen ohne Behinderung, die gerne, im Rollstuhlbasketball gegen andere Personen im sportlichen Wettkampf antreten möchte.

Generell erscheinen mir die paralympischen Spiele als eine Art Duplikat der Olympischen Spiele, damit die Menschen mit Behinderung „auch ein großes, sportliches Ereignis erleben dürfen“ (hier bitte einen mitleidigen Tonfall vorstellen).

Aber die Sichtbarkeit …

Viele Menschen, vor allem Menschen ohne Behinderung begründen die Existenz der paralympischen Spiele damit, dass durch die Veranstaltung Sichtbarkeit für Menschen mit Behinderung geschaffen würde. Manche lehnen sich sogar so weit aus dem Fenster, dass durch die paralympischen Spiele auf Barrieren im Alltag aufmerksam gemacht würde, weil ja plötzlich Menschen mit Behinderung überall im Gespräch wären und auch zu ihren Problemen im Alltag befragt würden.

Ganz falsch ist diese Aussage nicht, denn tatsächlich tauchen Menschen mit Behinderung in der Werbung auf, in der Berichterstattung und eben in der Liveübertragung. Die Sichtbarkeit ist jedoch nur dann wirklich wertvoll, wenn sie nicht durch eine leidbasierte Berichterstattung ein falsches Bild auf die handelnden Personen wirft und dadurch Vorurteile bestätigt.

So viel Kritik … Hast du eine Lösung?

Ja! Eine gute Lösung wäre, paralympische Sportarten und Sporttreibende mit Behinderung in die Olympischen Spiele aufzunehmen und dadurch ein großes Sportevent für alle zu schaffen.

2 Kommentare zu „Paralympics – ein Spagat zwischen Exklusion und Inklusion

  1. Ludwig Thumbach 26. August 2021 — 12:50

    Kann man durchaus so sehen. Der “ erleichternde“ Schlussgedanke gefällt mir;-)
    Aus meiner, vermeintlich bescheidener daherkommenden Warte (ich bin sozusagen“ 100% schwerbehindert-körperlich!), muss ich beim Thema“ blöde Kommentare“ – in dem Fall „Blicke“ – an den einen oder anderen Gaststättenbesuch denken. Also, beim Thema“ Fernsehen“ halt ich mich zurück. Bin außerdem recht schüchtern.
    Danke auf jeden Fall für den kritischen Artikel über die sogenannte Inklusionsvokabel da. Vielleicht sickert ja was durch bei unseren Richtern.

    Hoffe, du bekommst mal eine breitere Leserschaft!

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  2. Hallo liebe Laura, danke für den sehr schönen und interessenten Artikel. Das selbe habe ich mich auch schon immer gefragt, wenn die Paralympics stattgefunden: Warum braucht es eigentlich unbedingt ein Extra-Sportereignis nur für Menschen mit Behinderungen, wo wir doch alle von Inklusion sprechen? Zu deiner Überlegung, ob es nicht möglich ist, einige Paralympics-Sportarten in die olympischen Spiele zu übernehmen: Mir ist da sofort Goalball eingefallen. Das ist ein Spiel, dass vor allem von blinden und sehbehinderten Menschen gespielt wird und das so ähnlich funktioniert wie Fußball, nur dass die Mannschaften sehr viel kleiner sind, also nur drei Spieler:innen + eine:n Auswechselspieler:in haben und das der Ball nicht mit den Füßen, sondern mit den Händen gerollt wird und eine Klingel hat, damit die blinden Spieler:innen den Ball hören können. Ich dachte nur, dass das eine gute Möglichkeit ist, dieses Spiel in die olympischen Spiele zu übernehmen, weil da jasowieso alle Spieler:innen eine Augenbinde tragen und daher auch Menschen mit und ohne Behinderung diese Sportart gemeinsam machen können.

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