Unwatchable – Datingshows über Menschen mit Behinderung

Titelbild: Andi Weiland via Gesellschaftsbilder.de

Dokumentationen und Reportagen über das Thema Liebe und Dating finden wir in der Fernsehlandschaft immer häufiger. Diese Sendungen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, weshalb es immer wieder neue Formate und neue Sendungskonzepte gibt. Der Fernsehsender Vox, der zur RTL-Gruppe gehört, plant eine dokumentarische Dating-Sendung darüber, in der Menschen mit „Beeinträchtigung“ ihre Liebe finden sollen. Ich befürchte, das wird Unwatchable.

Das britische Vorbild „The Undateables“

In Großbritannien gibt es eine sehr erfolgreiche Serie, mit dem Titel „The Undateables“. Übersetzt heißt das so viel wie „die Undatebaren“ oder „die niemand kennenlernen möchte“. Mittlerweile gibt es 11 Staffeln zu dieser Serie.

In jeder Folge werden Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen vorgestellt und bei Dates begleitet.

Die erste Folge stellt eine Person mit Asperger vor, eine Person mit Tourette-Syndrom und eine junge Frau mit Glasknochenerkrankung. Alle drei Personen werden zuerst in ihrem persönlichen Umfeld besucht und beschreiben einer Person, die von einer Datingagentur geschickt wurde, welche Eigenschaften der zukünftige Partner oder die zukünftige Partnerin haben soll. Danach bekommen alle einen Anruf und eine E-Mail mit einem Dating-Vorschlag. Die Person, die für ein Date vorgeschlagen wird, scheint nicht immer eine Behinderung zu haben. In der ersten Folge der ersten Staffel jedoch wird nur eine Person ohne Behinderung gedatet. Alle anderen Personen, die für ein Date vorgeschlagen werden, haben entweder selbst eine körperliche Behinderung oder eine Lernbehinderung.

Kritik am Sendungskonzept:

Der ausstrahlende Sender (Channel 4) wirbt damit, dass die Sendung Offenheit und Akzeptanz gegenüber Menschen mit Behinderung und deren Sexualität fördert und für besondere Umstände bei Dates mit Menschen mit Behinderung sensibilisiert. Grundsätzlich ist es natürlich wichtig, dass Menschen mit Behinderung im Fernsehen auftauchen und „ganz normale“ Rollen einnehmen. Somit also auch als liebessuchender Mensch mit sexuellen Interessen und Vorlieben. Eine Sendung, die jedoch ausschließlich dafür geschaffen wurde Menschen mit Behinderung in Partnerschaften zu bringen, fördert weniger Offenheit und Akzeptanz in der breiten Masse als den Eindruck, dass Menschen mit Behinderung nicht an normalen Dating-Shows teilnehmen können und somit exkludiert werden müssen.

Zur Aufmachung der Sendung gehört auch eine Grafik, die ein Schild mit der Aufschrift „The Undateables“ zeigt. Als Animation wird diese immer zwischen den einzelnen Beiträgen der Protagonist:innen gezeigt. Eine Animation wird das „UN“ mit einem Pfeil vom Sendungstitel getrennt. Dann wird daraus „The Dateables“ . Erscheint der Sendung Titel ohne die dazu gehörende Grafik, so wird eine ganze Personengruppe als nicht liebenswürdig abgestempelt. Eine sehr schwierige Angelegenheit, wie ich finde, denn Mensch mit Behinderung sind schon ohne solch plakative Sendungstitel mehrfach abgestempelt und in Schubladen einsortiert. Zu Awareness und Akzeptanz trägt das nicht bei, denn er funktioniert nur mit der dazugehörigen Grafik. Übrigens ist nicht jeder in der Lage, die Grafik zu verstehen.

Schaut man sich die erste Folge der Serie an, fällt auch gleich auf, dass in keinster Weise auf Klischees und deutliche Darstellung der „besonderen Eigenschaften“, der einzelnen Protagonisten mit Behinderung verzichtet wird. So wird z.B. bei der Vorstellung der Person mit Tourette-Syndrom durch zielgerichtete Schnitte, die Wirkung der Ticks um ein Vielfaches verstärkt. Auch die Häufigkeit der aufgetretenen Ticks erscheint mir geschnitten, vor allem in der Begrüßungsszene. Das ist übrigens sehr fatal, denn es ist mehr als nur ableistisch, behinderungsbedingte Eigenschaften einer Person durch zielgerichteten Schnitt zu dramatisieren und derart in den Vordergrund zu rücken. Der Zuschauer oder die Zuschauerin erhält dadurch ein völlig falsches Bild vom Protagonisten bestehende Vorurteile gegenüber der entsprechenden Behinderung werden dadurch verstärkt und gefestigt. Eigentlich wird die Bildung entsprechender Vorurteile sogar gefördert.

Nicht zu unterschätzen ist übrigens auch die Auswahl der Protagonist:innen mit Behinderung. Meiner Meinung zufolge treten hauptsächlich Protagonistinnen und Protagonisten auf, die körperlich zumindest in der Lage sind, selbstständig und ohne Begleitung oder Assistenz an andere Orte zu gelangen und dort mit Datingpartnern und Partnerinnen zu interagieren. Menschen, die eine deutlich schwerere Behinderung haben, eventuell auf Hilfsmittel wie Beatmung oder persönliche Assistenz angewiesen sind, gewinnen durch diese Sendung eventuell den Eindruck, dass sie gar keine Chance mehr auf die wahre Liebe haben. Wenn nämlich schon „fitte“ Menschen mit Behinderung, die noch selbstständig von A nach B gelangen können, schon als „unvermittelbar“ gelten, als was gelten dann Menschen mit deutlich schwereren Behinderungen oder gar lebensverkürzenden Erkrankungen? Anzunehmen ist, dass Menschen mit größeren Einschränkungen durch ihre Behinderung dann tatsächlich als „unvermittelbar“ abgestempelt werden und das Vertrauen in sich selbst und die Liebe verlieren.

Aus aktuellem Anlass

Warum schreibe ich diesen Blogbeitrag eigentlich? Die Serie ist aus Großbritannien und in Deutschland gibt es ein vergleichbares Format derzeit nicht.

Aber vielleicht bald. Der Sender Vox, der zur RTL-Gruppe gehört, hat einen Aufruf gestartet, dass sich Menschen mit Behinderung für ein Dokumentationsformat nach dem Vorbild der oben analysierten Serie bewerben sollen. Wenn man dem Aufruf Glauben schenkt, sollen die ersten Folgen der deutschen Version von „The Undateables“ im September 2021 zu sehen sein.

Die Ausschreibung schon allein zeigt meiner Meinung nach, dass sich die verantwortlichen Personen (Produktionsfirma) wenig mit den aktuellen Sichten rund um Behinderung und Inklusion beschäftigt haben. Schon allein die übermäßig auffällige Vermeidung des Wortes „Behinderung“, das in der Ausschreibung konsequent durch „Einschränkung“ ersetzt wird, entsetzt mich zutiefst. Nicht erst seit kurzer Zeit klären wir Aktivistinnen und Aktivisten immer wieder auf, dass Euphemismen für die Beschreibung einer Behinderung nicht zielführend sind. Ja, ich weiß und habe auch verstanden, dass die Produktionsfirma darstellen möchte, dass sie hohen Wert auf Sensitivität legt, was folgende Auszug aus der Ausschreibung belegt:

 „Das Wohlbefinden aller Teilnehmer hat höchste Priorität bei diesem Projekt. Niemand wird vorgeführt oder blamiert. Die Sendung soll vielmehr auf einfühlsame Weise für mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen werben und ein gutes Gefühl vermitteln.“

Aber es entsteht in mir der Eindruck, dass die Sensitivität, auf die geachtet werden soll in die falsche Richtung abdriftet. Es driftet in eine Richtung ab, die von Euphemismen und einer rosa Blümchenwiese geprägt ist. Das hat nichts mit der Lebensrealität von Menschen mit Behinderung zu tun.

Aus meiner Sicht zeigt dieser Satz auch, dass sich die Produktionsfirma zumindest darüber bewusst ist, dass Sender der RTL-Gruppe nicht gerade für objektive Berichterstattung und realitätsnahe Darstellungen von „Besonderheiten“ bekannt sind. Es wird versucht, durch eine weiche und umschreibende, ja fast schon schleimig euphemistische Sprache eine Stimmung zu erzeugen, die Menschen mit Behinderung anspricht. Da gibt es deutlich bessere Lösungen:

Wie kann ein Serienformat, in dem Menschen mit Behinderung beim Dating begleitet werden ansprechend und nicht ableistisch sein, ja vielleicht sogar Inklusion fördern?

Zumindest nicht mit dem Konzept von „The Undateables“. Mir stellt sich schon allein bei der Vorstellung, dass es eine Sendung, speziell für Menschen mit Behinderung geben soll, die Frage: Warum muss es speziell sein?

Datingshows gibt es im deutschen Fernsehen mittlerweile reichlich. Menschen mit Behinderung habe ich dort selten gesehen. Auch Vox verfügt über ein entsprechendes Format. Es heißt „First Dates“ und es wäre ein leichtes, dort auch Menschen mit Behinderung zu akzeptieren und in diesem Rahmen in Partnerschaften zu vermitteln. Ich muss zugeben, ich habe nicht alle Folgen gesehen, Dating-Shows sind nicht mein Lieblingsformat im deutschen Fernsehen, aber von den Sendungen, die ich gesehen habe, gab es keine, in der ein Mensch mit Behinderung nur ansatzweise eine Rolle gespielt hätte. Also, Inklusion in der TV-basierten Partnervermittlung wäre, Menschen mit Behinderung in bestehenden Formaten zu vermitteln.

Ein Aspekt, der auf keinen Fall zu vernachlässigen ist, wäre, dass eine Sendung wie diese durchaus zu mehr Offenheit rund um das Thema Sexualität und Behinderung beitragen kann. Gerade in stationären Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Behindertenhilfe ist dieses Thema oftmals mehr als tabuisiert. Es ist strittig, ob Sender der RTL-Gruppe in der Lage sind, ein Format wie dieses ohne entsprechende Sensationslust und ableistische Bestandteile zu produzieren, aber würde man ein rein seriöses und vollkommen neutrales Format dieser Art produzieren, kann das durchaus auch zu Offenheit und Gesprächsbereitschaft beitragen.

Unter Menschen mit Behinderung,

zwischen Menschen mit Behinderung und deren Bezugspersonen

und auch zwischen Menschen ohne Behinderung und Menschen mit Behinderung.

Wenn es dann doch unbedingt eine eigene Show sein muss, ist es wichtig, dass die Behinderung und deren Eigenschaften nicht durch gezielte Schnitte überhäuft dargestellt oder gar dramatisiert werden. Auch das Wording ist mehr als wichtig. Vom Gesuch nach Protagonisten, bis hin zur Moderation. Sensible Sprache ist wichtig, aber eben nicht in der Hinsicht, dass besonders weiche, euphemistische Sprache verwendet wird. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass es Behinderungen gibt, die es unmöglich machen, in einer Ausschreibung sehr lange Sätze oder gar schwierige Wörter zu verstehen. Deshalb sollte, wenn vor allem Protagonisten und Protagonistinnen mit Behinderung gesucht werden die Ausschreibung auch immer in leichter Sprache und zusätzlich auch in Gebärdensprache zu finden sein. Aktuell (Stand 18. April 2021) scheint dies nicht der Fall zu sein.

Ach ja, ein ultimativer Tipp, wie Ableismus in TV-Formaten vermieden werden kann: Menschen mit Behinderung aktiv an den Formaten mitarbeiten zu lassen, bringt einen großen Mehrwert für jede Sendung. Ob in den Redaktionen, hinter der Kamera und auch vor der Kamera. Experten und Expertinnen in eigener Sache haben einen ganz anderen Blick für diese Angelegenheiten als ein Mensch, der selbst noch nie mit einer schweren körperlichen Behinderung oder Erkrankung konfrontiert war.

Hier in der Zusammenfassung muss ich wohl nicht anmerken, dass ich persönlich der Meinung bin, dass bestehende Dating-Formate gerne auch Menschen mit Behinderung inkludieren können. Somit sind Sonderformate für mich unwatchable.

Eine Sendung wie diese fördert vielmehr die Jäger nach „Inspiration Porn“ und Mitleidsprinzip, als dass sie Inklusion und Awareness schafft.

Background:

Link zum Casting-Aufruf: https://www.filmpool-casting.de/castings/besonders-verliebt

Zur Serie „The Undateables“: https://www.channel4.com/programmes/the-undateables/episode-guide/

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