Wie Einzelfallentscheidungen ein gesellschaftliches Mitleidsprinzip offensichtlich machen

Titelbild via Gesellschaftsbilder.de

Vor etwa einem Jahr ist es passiert, die Corona-Pandemie nahm ihren Lauf. Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen leben seither mit noch mehr Isolation und Diskussionen rund um ihren Lebenswillen. Ob bei der Triage, bei der Verteilung von Schutzmaterialien oder ganz aktuell bei der Corona-Schutzimpfung, Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung werden, wenn, dann überhaupt nur durch Einzelfallentscheidungen und Gerichtsurteile zu ihrem Recht kommen. Handelt es sich dabei um eine Tatsache, die auf einem gesellschaftlichen Mitleidsprinzip basiert?

Was bedeutet Mitleid? Und wollen das behinderte Menschen überhaupt?

Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet das Wort Mitleid, dass eine Person ein übertriebenes Mitgefühl gegenüber einer anderen Person hat und dies auch in übertriebenem Maße nach außen hin darstellt.

Menschen mit Behinderung erfahren häufig zwar gut gemeintes, aber trotzdem unglaublich übertrieben ausgedrücktes Mitleid. Situationen, die zum Teil auch äußerst unangenehm sind, entstehen da häufig. Deshalb sprechen sich die meisten Menschen mit Behinderung gegen den Empfang von Mitleid aus.

Stell dir mal vor, du bist im Rollstuhl auf der Straße unterwegs oder stehst an einer Bushaltestelle und irgendjemand tätschelt die einfach den Kopf und sagt „oh du Armes!“. Wie findest du das? Brauchst du solche Situationen? Ich persönlich beantworte diese Frage für mich mit NEIN!

Gibt es in Deutschland ein gesellschaftliches Mitleidsprinzip?

Diese Frage klären wir vielleicht auf umgekehrte Art und Weise. Wie sehe Deutschland aus, wenn wir kein gesellschaftliches Mitleidsprinzip leben würden? Die Vorstellung gleicht schon fast einer Utopie. Inklusion wäre so gelungen, dass wir kein Wort mehr dafür brauchen, alle Menschen begegnen sich auf Augenhöhe und kommunizieren auch so miteinander und Einzelfallentscheidungen werden unnötig, weil von vornherein jede, noch so kleine Bevölkerungsgruppe mitgedacht wird.

Solange diese Utopie nicht der Realität entspricht, leben wir ein gesellschaftliches Mitleidsprinzip. Die Gesetze und Verordnungen der Regierung beziehen sich auf ganz klar definierte Bevölkerungsgruppen, zumindest dann, wenn man damit die Möglichkeit hat, einzelne, ungeliebte und vielleicht auch teure Randgruppen von vornherein auszuschließen. Im richtigen Moment das Argument „dazu gibt es keine Studien“ hervorgebracht und schon läuft der Hase.

Erörtern wir das Ganze mal an einem mehr als aktuellen Beispiel, die deutsche Corona-Strategie:

Wir beginnen im Frühjahr des Jahres 2020. Deutschland ist in Aufruhr, die Krankenhäuser füllen sich mit immer mehr, schwer erkrankter Corona-Patienten. Erste Kliniken deuten an, dass die Grenze der Belastbarkeit nahezu erreicht ist. Diskutiert wird über die Triage.

Unter Triage versteht man eine Situation, in der eine Person eine Entscheidung treffen muss, die weit reichende Folgen für eine andere Person hat. Z.B., wenn nur noch ein Beatmungsgerät zur Verfügung steht und es zwei Patienten gibt, die es brauchen.

Tatsächlich kommen Menschen mit Behinderung hier sogar vor, nämlich auf einem Papier, dass ein Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte sein soll, wie in einer Triage-Situation zu entscheiden wäre. Als Piktogramm, eines Rollstuhlfahrers, der durch ein lebensbewertendes Punktesystem im Ranking ins Bodenlose fallen würde und somit nicht einmal die Chance auf eine Behandlung erhalten würde. Ungefähr nach dem Motto „der Arme, wir tun ihm mit dem Tod etwas Gutes, er ist von seinen Leiden erlöst.“

Im weiteren Verlauf gab es heftige Diskussionen um die Schutzausrüstung. Menschen mit Behinderung im Arbeitgeber:Innenmodell z.B. waren und sind es bis heute häufig auf Spenden oder das eigene Privatvermögen angewiesen, wenn es darum geht angemessene Schutzausrüstung für sich und ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (Assistenzpersonen/Pflegekräfte) zu beschaffen. In der offiziellen Verteilung sind Versorgungsmodelle wie dieses nicht berücksichtigt, während die zuständigen Kostenträger die Anträge auf Mehrbedarf für Schutzausrüstung quasi im Minutentakt ablehnen. Da es für viele Menschen mit Behinderung in der Assistenzversorgung (mich eingeschlossen) nicht möglich ist, sich auch von ihren Assistenzpersonen zu isolieren, sind sie davon abhängig, dass alle ihre Assistenzpersonen sich mehr als Corona-konform verhalten, sich mit Glück nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln anstecken oder sonst wie das Virus ins Team tragen.

Gleich zwei Argumente, warum ein Mitleidsprinzip in der Gesellschaft besteht, zum einen muss Schutzausrüstung aus Spenden kommen und Assistenzpersonen und andere Kontaktpersonen müssen sich wegen der Verletzlichkeit, der unvermeidbaren Kontaktperson noch vorsichtiger verhalten, als alle anderen.

Und das allerbeste Beispiel ist aktueller denn je, die Impf-Strategie:

in der aller ersten Version der Corona-Impf-Verordnung, die Jens Spahn in seiner Funktion als Gesundheitsminister für die Corona-Pandemie verkündet hat, sind junge Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung unter 60 Jahren nicht ansatzweise berücksichtigt. Sie sind schlichtweg nicht existent. Lediglich eine Hand voll, namentlich genannter Krankheitsbilder zählten neben dem Alter einer Person als Faktor, der für eine Impfung qualifizierte.

Nachdem die ständige Impf-Kommission (STIKO), auf deren Datenlage die Impf-Strategie entwickelt wurde, sich durch unzählige, kritische Stimmen dazu hinreißen ließ, die Empfehlungen zu ändern, wurden Einzelfallentscheidungen möglich gemacht, die es Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung, die als Hochrisikogruppe gezählt werden, möglich machen sollen, eine Impfung zu bekommen.

Einzelne Bundesländer haben ihre Impf-Strategie dahingehend erweitert, es gab politisch- sowie gerichtlich beschlossene Einzelfallentscheidungen aber eine zentrale Regelung gibt es nicht.

Schon die Änderung, die durch die kritischen Stimmen der Betroffenen an der Empfehlung der STIKO vollzogen wurden, wurden durch gezielt erregt es Mitleid herbeigeführt. Die dadurch entstandenen Einzelfallentscheidungen sind wieder in ihrem Ergebnis davon abhängig, ob und wie viel Mitleid der Entscheider oder die Entscheiderin mit der betreffenden Person hat.

Was haben Einzelfallentscheidungen mit dem Mitleidsprinzip einer gesamten Gesellschaft zu tun?

Einzelfallentscheidungen, wie es sie in der Impf-Strategie aktuell, teils auf richterliche Anordnung gibt, sind ein eindeutiges Symptom für ein Mitleidsprinzip in einer Gesellschaft. Ein Mensch, der der Meinung ist von offizieller Seite „vergessen“ worden zu sein geht zu einer festgelegten Stelle (oder schickt einen Antrag dorthin), zählt alle seine Leiden auf (einschlägige Medien spielen jetzt traurige Musik ein) und hofft, dass er/sie die Entscheidungserson erweichen kann, zu ermöglichen, was gebraucht wird. Hart ausgedrückt, spielt der Mensch mit Behinderung oder chronischer Erkrankung die Mitleidskarte, um deutlich zu machen, dass er ein Anrecht darauf hat, wie alle anderen „Invaliden“ Personen auch.

Das Ausspielen der Mitleidskarte ist ein Schachzug, den wir als Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung öfter spielen müssen, als es uns lieb ist. Unser ganzes Leben besteht eigentlich aus Einzelfallentscheidungen.

–> Die Genehmigung eines Hilfsmittels durch die Krankenkasse/Pflegekasse hängt von der Entscheidung des Sachbearbeiters ab.

–> Die Höhe der Leistungen für die persönliche Assistenz, von der Einzelfallentscheidung des Kostenträgers ab.

–>Die Befreiung von der Bewertung im Sportunterricht für inklusiv-geschulte, behinderte Kinder hängt von der Einzelfallentscheidung des Arztes (Ausstellung eines Attestes) und der Schule ab.

Noch Fragen?

Zusammenfassend lässt sich herauslesen, dass unsere Gesellschaft ein mächtiges Mitleidsprinzip lebt. Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung können und dürfen nur mitmachen, wenn die Gesellschaft genug Mitleid mit ihnen hat, Ihnen Ihre Leistungen für inklusive Teilhabe zu gewähren. Die Corona-Pandemie hat dies noch deutlicher werden lassen.

Etwas dagegen zu tun mit schwer, denn dazu müsste auch das Denken der Gesellschaft verändert werden. Aktuell ist die mächtigste Karte, die wir haben die Mitleidskarte. So ungern wie es tun, wir müssen Sie spielen, wenn wir sie brauchen, anders bleiben wir endgültig unsichtbar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close