@Jens Spahn – wir müssen reden.

Eigentlich ist der August im politischen Berlin wohl eher eine Zeit der Flaute. Jens Spahn jedoch schafft es auch im Sommerloch die Pflegebedürftigen in Angst und Schrecken zu versetzen. Einem neuen Gesetzentwurf zufolge möchte er die häusliche Intensivpflege von Beatmungspatienten abschaffen. Im Folgenden ein offener Brief an Jens Spahn, mit der Hoffnung, den Vorschlag noch einmal grundsätzlich zu überdenken, zu überarbeiten und zu korrigieren.

Sehr geehrter Herr Spahn,

im Grundsätzlichen schätze ich ihre Arbeit sehr. Sie unterstützen die wichtigsten Punkte der aktuellen Pflegepolitik, handhaben ihren Posten so transparent wie möglich und sie wissen, wofür sie stehen. Häufig fällt mir jedoch auf, dass sie Dinge zu Gesetzentwürfen verarbeiten, die noch nicht ganz zu Ende gedacht sind. So auch ihr Gesetzentwurf zur Abschaffung der häuslichen Beatmungspflege.

Versetzen Sie sich mal in meine Situation: ich bin betroffen von einer fortschreitenden Erkrankung, welche sich aktuell auch schon auf die Atmung auswirkt. Die Perspektive ist, dass ich in ferner Zukunft deutlich länger und intensiver auf Beatmung angewiesen sein werde als jetzt. Ihr Gesetzesvorschlag macht mir Angst. Ich bin 22 Jahre alt und werde mein Leben garantiert nicht, egal was ihr Gesetz sagt, in einem überfüllten, unterbesetzten Beatmungsheim fristen. Das ist die heutige Situation in den Heimen, es ist uns allen klar, dass das Pflegepersonal nicht auf Bäumen wächst. Die Situation wird nicht besser, wenn sie noch mehr Patienten in die Heime drängen. Sie können auch nicht einfach gesetzlich festlegen, dass alle Beatmungspatienten dann einfach entwöhnt werden müssen, denken Sie mal an die vielen, fortschreitenden Erkrankungen wie ALS. Ab einem gewissen Stadium ist es nicht mehr möglich für diese Menschen ohne Beatmung zu leben. Hat dieser Mensch nicht auch ein Recht, selbst zu bestimmen, wo er leben möchte? Das wichtigste für Menschen in dieser Situation ist Beständigkeit, ein angenehmes Umfeld und ein Wohlgefühl. Wo bekommt man dies mehr als in der eigenen Häuslichkeit? Sie können nicht die Freiheit des Menschen einschränken, es gibt viele Möglichkeiten, wie die Beatmungsversorgung adäquat gesichert werden kann. In meinem Fall ist es nicht immer notwendig, Fachkräfte einzusetzen, über das persönliche Budget kann ich mir meine Leute anstellen, sie einarbeiten und auf meine Bedürfnisse fortbilden. Natürlich ist das nicht bei jedem Beatmungspatienten möglich, in vielen Fällen aber schon. Wir leben in Zeiten fortgeschrittenster Technik, diese wird auch immer weiterentwickelt. Dadurch wird es den Angehörigen, den Pflegekräften oder den angelernten Kräften immer weiter vereinfacht, die Handhabung der einzelnen Maßnahmen zu erlernen. Durch den gezielten Einsatz von individuellen Dummys gibt es auch die Möglichkeit fachfremdes Personal an Handlungen wie einen Buttonwechsel heranzuführen.

In ihrem Gesetzentwurf sprechen Sie viel von Patienten, die sich nicht mehr äußern können, selbstverständlich ist es notwendig, dass man Patienten in diesem Fall vor Fehlern, vor Missbrauch der Gelder und vor Betrug schützt. Dies funktioniert aber nicht, wenn man alle über einen Kamm schert, dadurch entsteht lediglich eine Art „Heimzwang“ für Beatmungspatienten. Na, kommt ihnen eine derartige Praxis bekannt vor? Ich glaube, das ist für die heutige Zeit nicht der richtige Weg, weder für die Inklusion, noch für die Lebensqualität der Betroffenen.

Ich bitte Sie inständig darum, überdenken Sie den Gesetzentwurf, nehmen sie Betroffene zu sich, besprechen Sie die Situation, auch Personal aus der Pflege ist sehr wichtig mit in die Erarbeitung eines Maßnahmenplans einzubeziehen. Nur mit einer starken Community können wir wirklich etwas bewegen, dass nachhaltig Veränderungen bringt und die optimale Versorgung aller Patienten, in jeder Lebenslage begünstigt.

Hochachtungsvoll

Laura Mench

PS: selbstverständlich stehe ich sehr gerne als betroffene Person mit meinen Anregungen, Gedanken und Erfahrungen für die Optimierung eines adäquaten Gesetzentwurfes zur Verfügung.

Zum Weiterlesen:

http://www.haeusliche-pflege.net/Infopool/Nachrichten/Haeusliche-Intensivpflege-mit-Beatmung-soll-nur-noch-absolute-Ausnahme-sein?fbclid=IwAR2StEmhuP3gEYwO2WJbBhYIEPwGaoWjObmVEfBPe-NfBrvdOWHnOYenG-g (abgerufen am 14.8.2019)

11 Kommentare zu „@Jens Spahn – wir müssen reden.

  1. Oh, nein! Nein, nein, nein! Wenn er so ein Gesetz machen will, soll er gefälligst die Betroffenen fragen. Ich kann schon lange nicht mehr entwöhnt werden und meine Eltern haben nicht so lange für mich gekämpft, nur damit er mich in ein Heim schiebt.
    Im Übrigen wäre es wichtiger, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten.

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      1. Aber um ehrlich zu sein, bezweifle ich, dass er diesen Brief liest. Eigentlich müssten den noch viel mehr Menschen unterschreiben, damit er Wirkung hat. Was denkst du?

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      2. manche Menschen brauchen zwischendurch auch mal nur einen Denkanstoß … Es wird ja auch Demonstrationsveranstaltungen etc. geben, zum Beispiel hier in Berlin am Sonntag

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      3. Ok, das klingt vielversprechend. Hoffentlich

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      4. wie gesagt, ich bin der Meinung, dass sich aller spätestens vor Gericht dieser Gesetzentwurf nicht durchsetzen kann, dazu greift er viel zu sehr in die Grundrechte und in die Menschenrechte ein.

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      5. Da wär ich mir nicht so sicher…
        Vielleicht sollte ich auch so einen Brief schreiben. Allerdings könnte da mein Temperament und meine schonungslose Ehrlichkeit mit mir durchgehen.

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      6. naja, wichtig ist es halt, dass du sachlich bleibst und nicht Anfängst, die Gegenseite unter der Gürtellinie anzugreifen. Gezielter Sarkasmus ist immer ganz cool,außerdem ist es wichtig, wenn sich viele für die gleiche Sache einsetzen, daher warum nicht?

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      7. Stimmt auch wieder. Darf ich ein paar Absätze von deinem Brief kopieren?

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      8. Ja, aber bitte mit Quellenangabe und Kennzeichnung

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