Meinung: „Behinderung im alltäglichen Sprachgebrauch“ oder „warum mich Eltern ohne Behinderung gerade nicht so gerne mögen“.

Beitragsbild: Andy Weiland via Gesellschaftsbilder.de

Es begab sich zum ersten Jahrestag des 4fach-Mordes an behinderten Menschen im Oberlinhaus in Potsdam, dass ich einen Gedenkpost auf Twitter schrieb…

Ich zitiere:

Heute jährt sich der Mord an 4 behinderten Menschen im #Oberlinhaus zum ersten Mal.
Meine Gedanken sind bei den Zugehörigen aller Menschen, die durch Gewalttaten in Pflege- und Behinderteneinrichtungen verstorben sind.

Schön und gut, Gedenken ist wichtig, sowieso sollten wir uns öfter mit dem Thema „Gewalt in Behinderteneinrichtungen“ aka „Sonderwohnformen“ bzw. „Versorgungsparks“ auseinandersetzen. Aber was hab ich jetzt eigentlich falsch gemacht, dass die Behindertenbubble auf Twitter plötzlich so in Aufruhr gerät? Nichts, eigentlich gar nichts.

In Aufruhr geraten ist eine kleine Bubble von Eltern, die sich durch meinen Ausdruck „behinderte Menschen“ persönlich angegriffen fühlt, obwohl sie selbst, sich nicht ansatzweise als behinderter Mensch oder Mensch mit Behinderung definiert.

😱😱😱 HÄ wo ist das Problem?😱😱😱

Das Problem liegt darin, dass diese Eltern einen kleinen Schützling, ein „besonderes Kind“ beziehungsweise ein „Kind mit Handicap“ haben. Also kurz erklärt, ein Kind, das mit einer Diagnose lebt, die zu einer Behinderung führt, die bloß nicht so benannt werden darf!!!

Gerade bei Personen, die selbst nicht mit einer Behinderung leben, ist das Wort sehr negativ besetzt. Ja, das rührt auch daher, dass pubertierende Teenies das Wort immernoch als Beschimpfung missbrauchen.

Da Eltern von Natur aus dazu gemacht wurden, ihre Kinder bis aufs Blut zu verteidigen, ist es für mich nicht verwunderlich, dass ich von dieser Seite massiv angegriffen werde, wenn ich es wage, als überregional, aktive Aktivistin, das Wort „Behinderung“ so zu nutzen, wie es gedacht ist, als Sammelbegriff für einen menschlichen Zustand, der aufgrund von verschiedenen Umständen, davon abweicht, was die Gesellschaft als Norm definiert.

Diese Eltern leben in einem, von der Norm definierten Körper und müssen sich eingestehen, dass das Wichtigste in ihrem Leben (Kind), dieser Norm nicht entspricht. Sie müssen sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit der „Unvollkommenheit“ und mit dem schlechten, gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung auseinandersetzen. Das ist ganz schön viel. Wenn dann auch noch die Ablehnung eines Hilfsmittels dazu kommt, platzt die Hutschnur. Das kann im realen Leben passieren, aber auch im Internet und manchmal platzt sie leise, nur im eigenen Kopf. Es beginnt ein Prozess, der ähnlich ist, wie die Trauerphasen nach Kübler-Ross. Dazu gehören unter anderem innerliche Verhandlungen mit wem auch immer oder aber das Leugnen oder Beschönigen der Situation. Und vor allem letzteres machen viele Eltern von Kindern mit Behinderung konsequent… beschönigen.

  • „Mein Kind ist besonders“
  • „Mein Kind ist nicht behindert, es hat nur besondere Bedürfnisse.“
  • „Mein Kind hat ein Handicap.“

Tja nun, wo ist das Problem?

Das Problem liegt im Endeffekt darin, was das Kind dadurch lernt… in einem Kommentar unter meinem Post schrieb eine aufgebrachte Person: „Mein Kind weint immer, wenn ich sage, es sei behindert.“ Mir stellt sich daraufhin die Frage, warum ist das Kind traurig, wenn es als behindert bezeichnet wird? Eine automatische Programmierung von Kindern, dass sie sofort bei dem Wort „behindert“ weinen müssen, ist mir unbekannt. Dementsprechend muss das Kind ja gelernt haben, dass eine Behinderung schlecht ist. Für mich liegt hier die Problematik im (vielleicht auch unbewussten) Weitergeben von ableistischen Weltanschauungen an das eigene Kind, das dadurch natürlich lernt, dass es nicht richtig ist, wenn es behindert ist. Damit wäre die Reaktion des Kindes erklärbar und verständlich. Schade daran ist, dass dem Kind dadurch verwehrt wird, selbst für sich, die am Besten passende Beschreibung zu finden. Auch aus langfristiger, gesellschaftlicher Sicht ist die indirekte Weitergabe von ableistischen Weltanschauungen, generell an alle Kinder ein Problem. Kinder können nach meiner Ansicht nur zu toleranten, offenen und selbstbewussten Menschen werden, wenn sie die gesamte, gesellschaftliche Diversität in all ihren Facetten kennen und lieben lernen, ohne wertende Unterscheidungen.



Und noch eine Ergänzung, für meinen persönlichen Seelenfrieden: Nein, natürlich sind nicht alle Eltern gleich, es gibt auch viele Eltern von Kindern mit Behinderung, die super reflektiert sind und das Kind nehmen, wie es ist, es stärken und bestärken, wann immer es nötig ist. Von diesen Eltern spreche ich hier natürlich nicht, den ihr beleidigt mich nicht, für meine Wortwahl und auch nicht für meine Selbstbezeichnung.

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