Wir müssen reden – Infizierte Pflegefachkräfte sind keine Lösung

Hinweis: Aus Lesbarkeitsgründen wird in diesem Text das generische maskulin (männliche Wortform) verwendet. Gemeint sind selbstverständlich alle definierten und nicht definierten Geschlechtsformen (männlich, weiblich, divers).

Gesundheitsminister Jens Spahn äußerte sich auf dem deutschen Pflegetag zum Personalmangel im Gesundheitswesen. Mittlerweile ist wohl auch in der Politik angekommen, dass Betten und Beatmungsgeräte nicht allein für die Versorgung von Intensivpatienten verantwortlich sein können. Verantwortlich ist nur das Pflegefachpersonal. Davon gibt es jedoch zu wenig, deshalb hat Jens Spahn einen ganz tollen Plan … Er möchte Personal, das sich mit dem Coronavirus SarsCov-2 infiziert hat weiter am Patienten arbeiten lassen. Ich möchte diesen Plan aus verschiedenen Sichten kommentieren, denn zum einen bin ich ehemalige Bewohnerin einer Pflegeeinrichtung, ich bin Arbeitgeberin eines Pflege- und Assistenzteams und ebenso bin ich pflegebedürftige Person und gehöre zur sogenannten „Risikogruppe“.

Betrachten wir zu Beginn die allgemeine Lage in Deutschland:

Seit Beginn der Pandemie hören wir aus allen Ecken der Politik

„Schutz der Risikogruppen ist wichtig“,

„wir müssen die Risikogruppe schützen“,

„es ist ethisch nicht vertretbar, die Risikogruppe zu gefährden“.

Supercool könnte man da denken, denn selten ist es so, dass an alte Menschen, Menschen mit Behinderung, Menschen mit chronischen Erkrankungen und sonstigen Einschränkungen gedacht wird. Was sich hier jedoch darstellt wie ein groß angelegtes Sicherheitskonzept, ist nichts als ausgesprochene, heiße Luft. Im Frühjahr und Frühsommer wurden Pflegeeinrichtungen und Pflegebedürftige abgeriegelt und dazu angehalten, sich in häusliche Quarantäne zu begeben, wenn möglich. Es wurden Nachbarschaftsangebote geschaffen, Lieferdienste sind wie Pilze aus dem Boden geschossen und Oma Rita lernte Videotelefonie.

Heute, mitten in der zweiten Welle, die erwartungsgemäß mit deutlich höheren Fallzahlen daherkommt, als die erste Welle ist davon nichts geblieben, außer den Floskeln. Es wird gearbeitet und gelernt, weil „die Wirtschaft muss laufen“. Zunehmend wird die Risikogruppe zum Sinnbild der „schwachen“, der „Wirtschaftsbremse“ und in manchen Köpfen, sicher auch zu „Hypochondern“. Warum ist das so? Ganz einfach ist es nicht, darauf eine Antwort zu finden aber wie wir auch schon aus der Diskussion um Inklusion in der Schule wissen, ist Deutschland ein Land, dass die Wertigkeit des Lebens gerne an der Leistungsfähigkeit einer Person misst und nicht an seiner Individualität. So kommt es, dass Personen der „Risikogruppe“ sich auch in der zweiten Welle versuchen, so gut es geht zu schützen und dafür, wenn es gut läuft milde belächelt werden. Wer dachte, dass das Home-Office für Betriebe auch in der zweiten Welle eine Möglichkeit wäre, ihre Mitarbeiter zu schützen, der liegt in vielen Branchen falsch. Sicher gibt es Ausnahmen, die man positiv anführen kann aber viele Angestellte, die zur „Risikogruppe“ gehören, berichten, dass sie wieder ins Büro zurückkehren mussten.

Die Hoffnung, dass die Corona-Pandemie zu mehr Achtsamkeit und Verantwortungsübernahme von Chefetagen gegenüber ihren Beschäftigten führen würde hat sich wohl schon vor Beginn der zweiten Welle in Luft aufgelöst. Dass große Teile der „Risikogruppe“ ebenso die Wirtschaft am Laufen halten und ein Ausfall dieser Personen viel mehr der Wirtschaft schaden würde als dauerhaftes Home-Office interessiert niemanden.

Während Wirtschaft, Bildung und Meinungsfreiheit die Fallzahlen trotz „Lockdown light“ nur wenig verringern können, verlässt man sich darauf, dass wir schon irgendwie dadurch kommen werden. Vergessen wird dabei, dass dies nicht nur auf dem Rücken der Risikogruppen passiert, sondern auch auf dem Rücken des Pflegefachpersonals, das mit der Flut an intensivpflichtigen Patienten, die auf die Intensivstationen gespült werden, irgendwie klarkommen muss. Wenn es nach Jens Spahn geht, könnte auch mit Corona infiziertes Personal in Zukunft weiter auf Station arbeiten. So seine Aussage auf dem deutschen Pflegetag.

Nachdem ich schon vor Wochen in einschlägigen sozialen Medien, regionaler und überregionaler Presse lesen musste, dass infiziertes Personal auf den Stationen arbeitet und sich das Modell „Arbeitsquarantaine“ schimpft, frage ich mich, ob er wie schon bei vorhergehenden Plänen wie dem GKV-Ipreg, wieder die Stimmen der Betroffenen (in diesem Fall Pflegefachkräfte) einfach so ignoriert. Es hätte ihm auffallen müssen, dass dies schon lange Alltag ist, noch bevor er in der Lage war, seine zündende Idee kundzutun. Mal abgesehen davon, dass sich jeder Arbeitnehmer krankschreiben lassen sollte, wenn er mit einer ansteckenden und bekanntlich gefährlichen Krankheit infiziert ist, ist es aus meiner Sicht unverantwortlich, dieses Personal explizit bei besonders gefährdeten Patienten (für einen schweren Verlauf der Erkrankung) einzusetzen. Nimmt man doch damit wissentlich die Gefährdung der Gesundheit oder sogar den Tod dieser Personen in Kauf.

Unbedingt zu beachten ist auch, dass sich die Belastung des Körpers während der Erkrankung auf den Krankheitsverlauf auswirken kann. Es wird nicht umsonst empfohlen, sich bei akuten Symptomen oder Beschwerden zur Ruhe zu begeben. Der Stress, der auf Stationen von Krankenhäusern und Pflegeheimen stattfindet, kann für den Genesungsprozess der erkrankten Pflegefachkräfte nicht förderlich sein. Statistiken gibt es leider nicht, aber es ist anzunehmen, dass sich der Stress auf Station auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Mal ganz davon abgesehen, dass sich Kollegen ebenfalls anstecken und Krankheitsverläufe entwickeln werden.

Auch auf die Zukunft der pflegerischen Versorgung können Coronainfektionen beim Pflegepersonal Auswirkungen haben. Mittlerweile ist bekannt, dass viele Fälle das sogenannte longCovid-Syndrom entwickeln. Dabei handelt es sich um Spätfolgen der Infektion, die sich auf die Arbeitsfähigkeit der Personen auswirken kann. So bleibt die Gefahr, dass einige Pflegefachkräfte nach einer Coronainfektion ihrem Job nicht mehr nachkommen können, weil sie körperlich nicht mehr belastbar genug sind. Das ist das Horrorszenario, wenn man sowieso schon in einem akuten Pflegefachkräftemangel gefangen ist.

Als Arbeitgeberin in der persönlichen Assistenz würde ich es nicht verantworten können, erkrankte Mitarbeiter zum Dienst zu verpflichten. Ich habe gegenüber meinen Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht und es ist mir wichtig, dass meine Mitarbeiter, wenn sie zur Arbeit kommen fit sind und nicht mit Fieberschüben in der letzten Ecke hängen. Auch die Reaktionsfähigkeit, die ein Pflegeberuf erfordert, wenn ein Notfall bei einem Patienten eintritt lässt unter akuten Krankheitssymptomen zu wünschen übrig. Somit würde ich nicht nur mich selbst (oder als Arbeitgeber in einer Klinik, Patienten) gefährden, sondern auch den Mitarbeiter. Wie oben schon erwähnt ist zu befürchten, dass Belastung sich auf einen Krankheitsverlauf auswirkt. Auch bin ich der Meinung, dass meine Fürsorgepflicht nicht beim einzelnen Mitarbeiter endet, sondern sich auf das ganze Team ausweitet. Das heißt, dass ich auch dafür Sorge tragen sollte, dass sich Kolleginnen und Kollegen nicht einer größeren Gefahr ausgesetzt sehen, sich am Arbeitsplatz zu infizieren, als es das natürliche Lebensrisiko mit sich bringt.

Und als pflegebedürftige Person halte ich sowieso nichts davon, mich von infizierten Personen versorgen zu lassen. Ich tue alles dafür, um mich vor einer Infektion zu schützen, gerade bei den exorbitant hohen Fallzahlen wäre auch die Gefahr einer Triage mir zu riskant. Ich habe weder vor zu sterben, weil mein Körper eine Coronainfektion nicht verkraften kann, noch habe ich vor zu sterben, weil ich aufgrund meiner Vorerkrankungen in der Vergabe des „letzten Beatmungsgeräts“ nicht berücksichtigt werden würde. Ich weiß, eigentlich soll man nicht von sich auf andere schließen aber in diesem Fall gehe ich erst einmal davon aus, dass viele Zugehörige der „Risikogruppe“ das ähnlich sehen. Ja, betitelt mich als Egoistin, wenn ihr das wollt, ich stehe (oder sitze) dazu. Ich sehe es nicht ein, mein Leben dafür zu geben, dass einige Menschen im mega Überfluss leben, andere ihre Freiheit genießen und ohne sich an Regeln zu halten große Demonstrationen abhalten und nicht in der Lage sind, sich mal für einige Zeit zusammen zu reißen. Ich sehe es auch nicht ein, dass acht Personen ihren Job verlieren, aus genau denselben Gründen, denn wenn ich sterbe sind alle meine acht Assistentinnen von jetzt auf gleich arbeitslos.

Soviel erst mal von mir, wusstet ihr, dass man der jetzigen Personalsituation in Kliniken schon vor Jahren hätte entgegenwirken können? Mit einem fairen Gehalt, deutlich mehr Anerkennung (nicht bezogen auf Lavendelpflanzen) und vielleicht auch vielen anderen Möglichkeiten, die euch Pflegefachkräfte jetzt aufzählen könnten, wäre der Beruf attraktiver. Die Kampagne „Ehrenpflegas“ rettet in dieser Hinsicht übrigens gar nichts. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, dann werfen wir doch einfach eine VHS-Kassette hinterher. Herzlichen Glückwunsch, viel Spaß beim triagieren. Ich gehe jetzt erst einmal mit meinem Hund spielen, solange ich das noch kann.

1 Kommentar zu „Wir müssen reden – Infizierte Pflegefachkräfte sind keine Lösung

  1. Das hast Du wunderbar klar formuliert. Ich stimme als betroffene Assistenznehmerin voll zu.

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