Corona: Chancen und Risiken für Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung

Seit Jahren setzen sich Menschen mit Behinderung für eine Gesellschaft ein, die sie vollends akzeptiert, die Inklusion voranbringt und Stigmatisierungen abschafft. Die gesellschaftliche Debatte, die durch den nationalen Lockdown, die darauffolgenden Öffnungsorgien und die Abwägung zwischen Schutz und Teilhabe, wird auf hitzigste Art und Weise geführt. Für viele ist klar, das Leben nach der Coronakrise wird nicht dasselbe sein, wie davor.

Die Debatte:

Das Coronavirus SarsCov-2 löst die Krankheit Covid-19 aus. Diese ist besonders gefährlich, wenn Menschen ein gewisses Alter erreicht haben oder von Vorerkrankungen betroffen sind, die die Lunge, das Herz oder das Kreislaufsystem betreffen. Viele Menschen mit Behinderung gehören deshalb zur sogenannten „Risikogruppe“. Die meisten Menschen, die sonst nichts mit Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder sonstigen Risikofaktoren zu tun haben, sehen nur einen Teil der Risikogruppe in ihrer Vorstellung, nämlich die 95-jährige, demente Großmutter in Pflegeheim XY. Dies ist ein Trugschluss, die Risikogruppe besteht nicht nur aus der Nachkriegsgeneration, die Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute ist, sie besteht auch aus Kindern, Pflegekräften und Büroangestellten. Sie besteht ebenfalls aus Aktivisten, Künstlern und Professoren, die vielleicht aufgrund einer fortschreitenden Muskelerkrankung eine schwache Atemmuskulatur haben und deshalb beatmet sind. Sie alle leben ihr Leben, sie arbeiten und verwirklichen sich selbst. Und sie alle sind besonders gefährdet, an einer Infektion mit SarsCov-2 zu versterben.

Wirtschaftsvertreter, uneinsichtige Politiker und einseitig denkende, weiße Männer fordern nun die sofortige, vollständige Auflösung der Sicherheitsmaßnahmen, denn die Menschen aus der „Risikogruppe“ würden ja sowieso in absehbarer Zeit versterben (Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen). Nach Ansicht dieser Personen rechtfertigt der Schutz von totgesagtem Leben nicht, wirtschaftliche Verluste, Insolvenzen und einen Börsenabsturz in Kauf zu nehmen, weil ein flächendeckender Lockdown angeordnet bleibt.

Aus der Debatte entstehen Risiken:

Die Debatte um den Schutz der Risikogruppe bringt die Abgründe unseres gesellschaftlichen Denkens zu Tage, die schon seit jeher in den Köpfen der Menschen schlummern. Durch soziale Distanzierung und verlagerte Kommunikation in die Medien und deren Kommentarspalten, sowie Videostatements auf YouTube, gewinnen tiefbraune Sichtweisen durch stille Zustimmung der Konsumenten an immenser Reichweite. Es wird erklärt, warum der Erhalt dieses Lebens nicht wirtschaftlich ist, warum es sinnlos ist mit einer chronischen Erkrankung weiter zu leben und warum es ausreichend ist, wenn die Risikogruppe vollständig isoliert werden und aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt werden müsste.

Die Verbreitung dieses Gedankenguts führt dazu, dass Menschen, die durch die jahrelange Aufklärungsarbeit zu einem inklusiven Denken oder zumindest zu einem Umdenken in ihrer Verhaltensweise, bewegt wurden, erneut darüber nachdenken und in ihre alten Denkmuster zurückfallen. Vereinfacht gesagt, die Ergebnisse jahrelanger Aufklärungsarbeit werden innerhalb weniger Stunden vernichtet.

Ähnliches gilt für die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit. In der aktuellen Zeit sind diese in der Öffentlichkeit so gut wie unsichtbar, denn sie schützen ihr Leben und befinden sich größtenteils in freiwilliger Isolation. Dadurch sind sie weniger in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Einkaufszentren und in Parks anzutreffen. Menschen, die vor Corona achtsam durch die Welt gingen, Barrieren wahrgenommen haben und vielleicht das ein- oder andere Mal auch darüber hinweggeholfen haben, verlieren den Blick auf die Dinge und vielleicht auch ihre Hilfsbereitschaft.

Die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit verringert sich auch dadurch, dass regelmäßige Protestveranstaltungen, die von und für Menschen mit Behinderung initiiert und organisiert werden dieses Jahr ausfallen müssen. Der Protesttag für die Rechte von Menschen mit Behinderung am 5. Mai zum Beispiel kann ausschließlich digital stattfinden und die Protestveranstaltungen gegen den Kabinettsentwurf Ipreg mussten auch weitestgehend ausgesetzt werden. Dadurch entsteht auch die Gefahr, dass Menschen mit Behinderung ihre, sowieso schon kleine Lobby verlieren und von Entscheidungsträgern noch mehr übergangen werden, als es bis dato schon der Fall ist.

Chancen, die es zu nutzen gilt:

Bei all den negativen Dingen, die gerade Schule machen, die Coronakrise bringt auch Chancen für Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung mit sich. Innerhalb kürzester Zeit mussten fast alle Unternehmen auf eine digitale Arbeitsweise umstellen. Home-Office, digitale Medien und sonstige Technologien bieten für Menschen mit Behinderung eine riesige Bandbreite an Möglichkeiten zum Arbeiten und zur Teilnahme an Kulturveranstaltungen. Durch eine dauerhafte Arbeit im Home-Office können Menschen mit Behinderung besser in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, denn viele Geschäfts- und Büroräume sind nicht barrierefrei erreichbar, die Arbeit aber wäre im Allgemeinen auch gut von zu Hause zu schaffen. Mit der Hilfe der Politik kann für Menschen mit Behinderung eine dauerhafte Möglichkeit geschaffen werden, wie sie durch digitale Teilhabe am Arbeitsleben und durch eingerichtete Home-Office-Arbeitsplätze individuellere und bessere Möglichkeiten haben werden, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten.

Selbst Diskussion um die „Risikogruppe“ kann ein Sprungbrett, bzw. eine Chance darstellen. Wir müssen geschlossen kommunizieren und darstellen, dass unser Leben genauso viel wert ist, wie jedes andere auch. Wir müssen Plattformen nutzen, wenn Sie uns geboten werden, das heißt, dass unsere Standpunkte in der Berichterstattung von Zeitungen, Fernsehen und Radio einen Platz finden müssen, fundiert zu begründen sind und am besten so viele Menschen erreicht, wie möglich. Jeder einzelne, der die Augen geöffnet bekommt, was Denkweisen wie die von Boris Palmer oder Xavier Naidoo anrichten können, ist ein Gewinn. Wenn wir jetzt geschlossen und kompetent auftreten, können wir auch nach der Krise Chancen bekommen, durch Kontakte zu diesen Medien unsere Aufklärungsarbeit zu intensivieren und zu erweitern.

Kommentar und Fazit:

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die unkontrollierte Verbreitung von SarsCov-2, die durch das Öffnen der gesamten Wirtschaft begünstigt wird, Menschenleben gefährdet? Sicher, der gemeine Deutsche, der keine Ahnung davon hat, was es bedeutet, auf Assistenzteam oder Pflegedienst angewiesen zu sein, kann sich nicht vorstellen, dass eine vollständige Isolation in diesem Fall nicht möglich ist, weil auch die Mitarbeiter mal eine Pause oder Feierabend brauchen und somit beim Risikopatienten ein- und ausgehen. Durch sie würde das Coronavirus trotzdem zu den Risikogruppen gelangen, denn auch Pflegekräfte müssen mal einkaufen oder auch irgendwie zur Arbeit fahren. Dasselbe gilt für Pflegekräfte im Pflegeheim, wie die Verbreitung von Corona in einem Pflegeheim funktioniert, das Sehen wir aktuell an so vielen Beispielen, das muss ich nicht genau erläutern, hoffe ich.

Zusammengefasst bietet die Coronakrise für Menschen mit Behinderung einige Chancen, wie sich die Gesellschaft und das Arbeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt durch die plötzliche Digitalisierung zum positiven verändern kann. Trotzdem gibt es auch sehr viele Risiken, die von Personen ausgehen, die rechtes Gedankengut als legitim und wirtschaftsdienlich tarnen und damit eine Art stille Hetze gegen die Risikogruppe vollziehen.

Wir müssen diese Situation zu unserem Besten nutzen, wir müssen daraus Möglichkeiten und Lehren ziehen, wie wir unser Leben in Zukunft gestalten werden. Wir müssen langfristig lernen, mit dem Virus zu leben und auf uns und andere zu achten. Wir müssen lernen die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen und auch nach der Krise für uns einzufordern.

Und alle weißen Männer, die sich nicht sagen lassen wollen, wann und wie sie ihre Hände zu waschen haben, sollten das einfach freiwillig tun und wissen, dass es auch Mitglieder in der Risikogruppe gibt, die gerne leben, die nicht sterben möchten weil sie glücklich sind und die bestimmt gesellschaftlich verträglicher sind, als beratungsresistente, deutsche Egoisten.

Zum Weiterlesen:

Digitaler Protesttag für Menschen mit Behinderung am 5. Mai: http://www.maiprotest.de

2 Kommentare zu „Corona: Chancen und Risiken für Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung

  1. Diesem Sozialdarwinismus muss man entgegentreten. Ich bin immer noch in Schockstarre, welche abgründe sich siehe Palmer auftun. Wenn diese Denkweise in der Sprache Platz findet ist es höchste Zeit zu reagieren. Danke für diesen Beitrag.

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  2. Ich bin genau deiner Meinung!

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