Organspende, was bringt die Zustimmungslösung – Mein Kommentar

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn ist bei mir persönlich, wie wahrscheinlich bekannt, nicht sehr beliebt. In einer Sache jedoch hätte ich seinem Vorschlag ohne Kompromisse zugestimmt: Die Widerspruchslösung für die Organspende.

Das System Organspende in Deutschland:

Wer in Deutschland Organspender werden möchte, der muss sich zu Lebzeiten bewusst dafür entscheiden. Er füllt einen Organspendeausweis aus und trägt diesen immer bei sich. Hat ein potenzieller Spender zu Lebzeiten keine Entscheidung getroffen, die schriftlich festgehalten wurde, so obliegt die Entscheidung den nächsten Angehörigen.

Für die Zukunft wird sich nicht viel ändern, lediglich, dass seitens der Behörden bei der Ausstellung eines neuen Personalausweises nachgefragt wird, ob man als Organspender registriert werden möchte.

Das System Organspende in anderen europäischen Ländern:

Die von Jens Spahn geforderte Widerspruchslösung ist schon in den meisten Ländern Europas in Kraft. Die Widerspruchslösung dreht das System um, jeder, der sich vor seinem Tod nicht gegen eine Organspende entscheidet und dies vermerkt, mitteilt oder sonst irgendwie klarmacht, wird automatisch ein potenzieller Organspender.

Ein Mensch, der sich bewusst gegen die Organspende ausspricht, erfährt dadurch keine Nachteile. Das ist wichtig, denn die Selbstbestimmung über deneigenen Körpers darf nicht infrage gestellt werden.

Der Vergleich:

Sehen wir uns die vereinfachte Erläuterung der beiden Systeme nebeneinander an, so lässt sich erkennen, dass der Deutsche sich im Moment mit seinem eigenen Tod auseinandersetzen muss, um sich bewusst für eine Organspende zu entscheiden. Jeder Mensch weiß, es ist ein Thema, über das niemand gerne nachdenkt. Leider vergessen wir dabei, dass unser Leben schneller vorbei sein kann, als wir darüber nachdenken können.

Dieses Bewusstmachen fällt in anderen europäischen Ländern weg. Du musst dir keine Gedanken darum machen, außer, wenn du dir Gedanken machen möchtest oder wenn du dagegen bist.

Man könnte es aber auch so sehen, dass Bewusstmachen wird verpflichtend. Es wird verlangt, dass die Bevölkerung über das Thema nachdenkt und sich dafür entscheidet, um nichts weiter zu veranlassen oder sich dagegen entscheidet, um dies niederzuschreiben.

Eines haben beide Systeme gemeinsam, meiner Ansicht zufolge, ist bei beiden Systemen die Selbstbestimmung über den eigenen Körper nicht angegriffen, auch wenn Viele das vielleicht so sehen mögen. Jeder hat die Entscheidungsfreiheit, in beiden Systemen. Niemand ist zu irgendetwas verpflichtet und es gibt für niemanden Sanktionen, Benachteiligungen oder andere Probleme, wenn er sich für eine Seite entscheidet.

Funfact: Auch für Reisende gilt die entsprechende Organspenderegelung des Reiseziels. Stirbt der Reisende also zum Beispiel in den Niederlanden, so gilt für ihn die Widerspruchslösung, die dort schon seit 2018 existiert.

Warum ist die bewusste Entscheidung für eine Organspende so schwer?

Diese Frage muss sich jeder Mensch selbst stellen. Ich denke, jeder hat seine Gründe, warum er sich gegen eine Organspende entscheidet, oder warum er überhaupt nicht darüber nachdenken möchte. Schon allein das Thema Tod ist in einer Gesellschaft wie unserer ein Tabuthema. Man spricht nicht darüber, manche glauben es bringt Unglück und alles ist sehr ungewiss. Somit passt ein Gespräch über den Tod eben nicht zufällig mal auf dem Nachhauseweg in der Bahn ins Tagesprogramm. Es passt auch nicht beim Fernsehen am Abend, oder beim Aufstehen am Morgen. So glauben wir, müssen wir auf den richtigen Moment warten, um dieses Thema zur Sprache bringen zu können. Bis dieser Moment gekommen ist, können wir schon tot sein. Was heißt das? Unter Umständen, dass ein ganzer Körper voller Organe, die vielleicht nutzbar gewesen wären und Menschenleben hätten retten können, „verschwendet“ wurde, obwohl sich der Verstorbene vielleicht für eine Organspende entschieden hätte, wenn er zu Lebzeiten mit anderen Menschen darüber hätte sprechen können.

Außerdem spielt, wenn man sich mit der Organspende beschäftigt, noch eine 2. Rolle im Drama um die Entscheidung mit: der Hirntod

Ein Mensch, der seine Organe spendet, muss Hirntod sein. So sieht es die Verordnung vor. Was bedeutet der Hirntod jedoch für uns, alle Organe sind intakt, zumindest die, die gespendet werden sollen, das Herz schlägt, für einen uninformierten Menschen, heißt das, dass der Körper lebt. Medizinisch gesehen ist dem nicht so. Wenn  der Hirntod eingetreten ist, sind alle Fähigkeiten des Körpers und des Gehirns unwiederbringlich erloschen. Der Organismus wird, im Falle einer Organspende, ausschließlich über Maschinen am Leben erhalten, bis die Organe entnommen werden können.

Dieser Faktor bringt die große „was ist wenn …“-Frage. Es gibt niemanden, den wir fragen können, ob eine Organspende im Zustand des Hirntods wirklich keine Schmerzen verursacht. Es ist niemand wieder zurückgekommen. Wir müssen auf die Aussage der Ärzte vertrauen, die auf ihren Monitoren ihre Erfahrung sammeln. Ich kann jeden verstehen, der sagt, dass er Angst davor hat. Es ist eine Art der Ungewissheit, auch wenn sie durch rationale Dinge widerlegt wird. Irrationale Dinge oder auch Dinge, die wir aktuell nicht erforschen können, spielen in unserer Vorstellung trotzdem eine Rolle. Wer weiß, ob wir wirklich nicht zusehen, wie uns dann die Organe entnommen werden, oder ob es nicht doch eine Art Schmerz ist, den wir fühlen, der sich nicht durch Parameter messen und durch Opiate unterdrücken lässt.

Daher ist es absolut nachvollziehbar, sich nicht mit dieser Thematik und ihren Konsequenzen auseinandersetzen zu wollen.  Trotzdem ist es wichtig, dass genug Organspender zur Verfügung stehen, denn alle 8 Stunden stirbt ein Mensch von der Warteliste für Spenderorgane, da rechtzeitig Keines für ihn zur Verfügung stand. Organempfänger sind Leben, die gerettet werden können, wenn sie durch die modernen Möglichkeiten der Medizin ein „Ersatzteil“ bekommen. Für mich persönlich macht es keinen Sinn, einen Menschen zu begraben, mit all seinen Organen, wenn man mit diesen auch ein Leben hätte retten können.

Aus all diesen Gesichtspunkten ergibt sich, dass die beschlossene Zustimmungslösung höchstwahrscheinlich nur eine geringe Besserung erwirken kann. Die Präsenz des Themas wird zwar bei der Ausstellung des Personalausweises regelmäßig dargelegt, ist jedoch ganz schnell auch wieder verdrängt. Mit den Worten „weiß ich nicht“ oder „ich bin noch unentschieden“ lässt sich die Entscheidung ganz einfach vertagen. Wer weiß, ob der, der mit „ich weiß noch nicht“ geantwortet hat, überhaupt in 10 Jahren noch einen neuen Personalausweis braucht?

Und was sagt ihr dazu, habt ihr einen Organspendeausweis? Wie steht ihr zu den verschiedenen Regelungsmöglichkeiten? Oder habt ihr vielleicht eine ganz andere Idee?

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