„Wir wollen pflegende Angehörige entlasten“ – Was passiert, wenn wir Phrasen wörtlich nehmen?

„Wir wollen pflegende Angehörige entlasten“ diesen Satz hören wir aus politischer Richtung sehr häufig. Gerade Gesundheitsminister nutzen ihn sehr gerne, um weitere, bürokratische Maßnahmen zur „Entlastung“ anzukündigen. So häufig, wie dieser Satz auftaucht, gilt er bei mir persönlich schon als Phrase. Das heißt, dass der Effekt ihn ständig einzusetzen keine Auswirkungen auf die Praxis hat. Pflegende Angehörige sind in der Hackordnung der Versicherungen, der Rente usw. immer noch weit unten. Manch einer, mit einem gewissen, politischen Humor könnte diesen Satz aber auch deuten wie folgende, erfundene Situation:

Maria ist Mutter eines Pflegebedürftigen, schwerst-mehrfach-behinderten Kindes. Ihren Job hat sie aufgegeben, um sich ganz auf dessen Förderung zu konzentrieren. Jahr für Jahr, Tag aus, Tag ein ist sie rund um die Uhr Mutter, Pflegekraft, Betreuerin und irgendwo auch noch ein Mensch. Im Urlaub war sie schon lange nicht mehr, weder allein noch gemeinsam mit ihrem Kind. Daran ist nicht zu denken, es fehlt an Zeit und Geld. „Ich bin ausgebrannt, wo bleibt die Zeit für mich? Kann mich nicht endlich jemand entlasten?“ Sagte sie eines Tages zu einer Freundin. Wenige Tage später klingelt es an der Haustür: Der Gesundheitsminister höchstpersönlich steht vor der Tür. „Ich bin gekommen, um sie zu entlasten, sie können in den Urlaub fahren.“

Ganz ehrlich, wer fände diese Situation nicht skurril? Wenn man jedoch die oben getätigte Aussage wörtlich nehmen würde, müsste sich die Situation regelmäßig in Deutschland genauso abspielen. Das hundertfache Wiederholen eines Mantras hilft in der Umsetzung genauso viel wie Wasser in der Wüste. Die Situation, so wie sie aktuell in Deutschland ist, resultiert aus jahrelanger Sparpolitik. Wirtschaftlichkeitsdenken und ein schlechtes Berufsimage halten junge Leute davon ab, einen Pflegeberuf zu erlernen. Es war harte Arbeit, diesen Zustand zu generieren und es wird sehr harte Arbeit, diesen zu ändern. In dieser Zeit bleibt uns nur, durchhalten, stark machen und alle Phrasen mal aus dem humoristischen Blickwinkel zu betrachten. Gerade ich, die tagtäglich mit Texten, Buchstaben und Phrasen zu tun hat, kann euch sagen, vom Politiker, über den Wirtschaftsprüfer, bis hin zur Hausfrau, jeder verwendet Phrasen, Mantras und weitere Dinge, die man niemals wörtlich nehmen sollte. Aber ohne diese Prise Humor sieht die Situation schon ganz schön grau aus. �ݥ��‘

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