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Lieber Raul,
Dein Beitrag mit dem Titel Berührungsarmut hat mich dazu inspiriert, diesen Text zu schreiben. Ich danke dir Für die Eröffnung eines Themas, das mich selbst schon eine ganze Weile umtreibt, für das ich bisher noch keinen passenden Einstieg in einen qualitativ hochwertigen Diskurs gefunden habe.
Viele Grüße
Laura
Echte und unechte Berührung
Es gibt verschiedene Arten, wie Berührung stattfinden kann. Auf persönlicher Ebene sowie auf emotionaler und sexueller. Berührungen können aber auch rein zweckgebunden sein.
Wir Menschen mit Behinderung leben häufig in einer Welt voller Zweckgebundenheit. Je nach Situation wird ein Großteil unseres Lebensinhalts zweckgebunden verwaltet. Ob das nun das persönliche Budget ist oder die Berührungen, die wir im Alltag erfahren, all das und noch viel mehr wird lediglich auf einen einzigen Zweck, die Sicherstellung des Lebens und der eigenen Versorgung heruntergebrochen. Zweckgebundene Berührungen stellen aus meiner Sicht keine echten Berührungen dar, denn sie dienen lediglich einem einzigen Zweck und das ist die Versorgung. Echte Berührung findet auf persönlicher und emotionaler Ebene statt. Diese wird leider oftmals in diesem Kontext völlig vergessen.
Es macht einen großen Unterschied, ob eine Berührung stattfindet, um eine Pflegemaßnahme durchzuführen, oder weil eine Person zum Beispiel in einer schwierigen Situation Mitgefühl und Nähe anbietet. Die Distanz zwischen echter und unechter Berührung ist immens. Doch die bloße Forderung nach mehr echter Berührung ist ein Trugschluss, denn Berührung muss im Kontext des Ganzen betrachtet werden
Je nach Situation überschreiten Berührungen, ob auf jeglicher Ebene, schnell die Grenze zur Übergriffigkeit oder zur Infantilisierung. Denken wir nur an das gut gemeinte Tätscheln auf den Kopf während des Wartens in der Kassenschlange durch eine völlig fremde Person. Sorry, nein, aber das ist keine Berührung, die mir Nähe schafft, sondern vielmehr einen dringenden Bedarf nach großer Distanz zwischen mir und der Person auslöst.
Wer berührt wie und wann?
Aus dem Diskurs zwischen Infantilisierung, Übergriffigkeit und zweckgebundener Berührung stellt sich die Frage, wer kann zu welchem Zeitpunkt, in welchem Kontext die passende Berührung anbieten.
Die einfachste Lösung wäre, alle Arten von Berührung voneinander zu trennen und damit Zuständigkeiten zu vergeben.
- Rein zweckgebundene Berührung würden den Pflegepersonen und dem Assistenzteam zugewiesen.
- Emotionale und Nähe schaffende Berührung obliegt dem sozialen und emotionalen Umfeld der jeweiligen Personen.
Doch aus einer strikten Trennung ergibt sich ein neues Problem. Wie Schaffen wir echte Berührung, wenn das soziale und emotionale Umfeld aufgrund der Art und Schwere der Behinderung sich ausschließlich oder fast ausschließlich auf die Pflegepersonen und das Assistenzteam beschränkt?
Diese Situation trifft auf viele Menschen Z.B. In fortgeschrittenen Stadien von Muskelerkrankungen zu. Es gibt unzählige Hürden, die dazu führen, dass Menschen mit Behinderung Schwierigkeiten haben, Freundschaften zu schließen und/oder soziale Beziehungen aufzubauen. Ob das die ständige Anwesenheit der Pflegekraft ist, die dazu führt, dass Gespräche auf rein oberflächlicher Ebene bleiben. Oder eine Sprachbarriere durch die aufgrund der Behinderung veränderten Lautsprache. Der Effekt ist derselbe. Die Entwicklung von stabilen sozialen Beziehungen, die mit körperlicher und emotionaler Nähe bzw. Berührung einhergehen, wird verhindert oder mindestens erschwert.
Menschen, die mit Distanz und Unwissenheit auf diese Fragestellung blicken, landen in ihrer Gedankenwelt ist jetzt an diesem Punkt bei Sexualassistenz. Wäre es nicht einfach, wenn ein Mensch den Bedarf nach körperlicher und emotionaler Nähe hat, diesen einfach zu einem Verwaltungsakt zu machen und mal schnell mit Hilfe der Eingliederungshilfe einzukaufen?
Wir lieben es, uns von den Bedarfen und den Problemen der anderen einfach freizukaufen. Wie einfach wäre das, wenn wir Gefühle und Emotionen schnell beim Supermarkt um die Ecke für 99 Cent aus dem Wühltisch nehmen könnten? Einmal kurz gesucht, Problem gelöst und direkt wieder weiter aus den Augen, aus dem Sinn.
Aber sind wir mal ehrlich, das kann doch nicht die Lösung sein. Und entspricht der Bedarf nach körperlicher Nähe und Berührung wirklich dem Bedarf nach einer Sexualassistenz? Bzw. Schaffen wir durch Sexualassistenz wirklich echte Nähe oder doch nur eine Reihe unechter zweckgebundener Berührungen?
Bitte versteht mich nicht falsch, Sexualassistenz ist eine grandiose Option zur Exploration und zur Erforschung der eigenen sexuellen Bedürfnisse innerhalb eines geschützten Rahmens. Und trotzdem ist es für mich immer noch Berührung auf Termin und rein zweckgebunden. Somit eine unechte Berührung, um bei der vorangehenden Einordnung zu bleiben.
– Ach ja, und ich weiß, dass ich, als offen asexuell und aromantisch lebende Person euch definitiv nichts über Sexualität erzählen sollte, das können andere Aktivistys definitiv besser als ich.😉-
Da ich aber mit meinen persönlichen nicht vorhandenen sexuellen Interessen durchaus den Bedarf nach körperlicher und emotionaler Berührung habe, Sehe ich das als Beweis durch mich selbst, dass Berührungen keine ausschließlich der Sexualität einer Person zuzuordnenden Bedarfe sind.
Jetzt aber zurück zu unserem Problem. Wir konnten leider keine nähe schaffenden Berührungen im Supermarkt kaufen und auch nicht durch Leistungen der Eingliederungshilfe verwalten. Schade, oder? Aber gerade körperlich und emotionale Themen sind nun mal kein Verwaltungsakt. Sie sind völlig individuell und lassen sich lediglich adressieren bzw. mit Individuallösungen ausgestalten.
Wenn das Pflege- und Assistenz-Team die letzten sozialen Kontakte sind…
Wie sage ich immer so schön, die persönliche Assistenz ist ein Job der tausend Gesichter. Kein Job ist wie der andere und selbst mit der selben Grunderkrankung können die Bedarfe völlig unterschiedlich sein.
Wenn das Pflege- und Assistenz-Team aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums einer Erkrankung die letzten sozialen Kontakte darstellt, ist auch dieses Team die einzige Lösung, um dem Bedürfnis nach körperlicher und emotionaler Berührung gerecht zu werden. Zwingend erforderlich dafür ist eine gute Basis und ein gutes Verhältnis mit den beteiligten Teammitgliedern. Auch kann das Angebot des Erfüllens und Nicht-Erfüllens der Bedürfnisse nach Berührung je nach Menschentyp der jeweiligen Assistenzperson völlig unterschiedlich angeboten und ausgestaltet werden. Wichtig ist, dass der Konsens aller beteiligten Personen besteht. Fehlt einseitig der Konsens für den Erhalt oder die Vergabe von Berührungsnähe, sprechen wir von Übergriffigkeit.
Wichtig für ein trotzdem gelingendes Nähe- und Distanzverhältnis zwischen Assistenzperson und assistenznehmender Person ist aus meiner Sicht zum einen eine klare Kommunikation über Bedarfe, Wünsche und Vorstellungen von Berührung oder Nichtberührung. Und ein regelmäßiger Diskurs über Übergriffigkeit und persönliche Grenzen aller Seiten.
Zusammenfassend ist mir wichtig, dass wir gemeinsam im Konsens mehr echte Berührung brauchen. Allerdings müssen wir jederzeit bewerten zwischen zweckgebundener, unechter Berührung, Nähe schaffen und Übergriffigkeit. Wir brauchen einen konsequenten Diskurs, der kritisch hinterfragt, aber auch Aufklärt und individuell Empowerment schafft die eigenen Bedürfnisse rund um körperliche und emotionale sowie sexuelle Berührung zu benennen und auch einzufordern. Denn nur echte Berührung schafft echte Nähe.
