Geschenke für Menschen mit Behinderung – Tipps für ableismusfreies Schenken

Geschenke dienen Menschen oft dazu, Liebesbekundungen materiell zu überbringen. Die Auswahl gestaltet sich oft schwierig und endet meist darin, die Person auf ein einziges Merkmal zu reduzieren, um sich die Auswahl an verfügbaren Geschenkoptionen zu verkleinern. So passiert es, dass Menschen mit Behinderung häufig Dinge geschenkt bekommen, die im weitesten Sinne etwas mit der Behinderung zu tun haben (z.B. spezielle Hose für Rollstuhlfahrer). Warum solche Geschenke problematisch sein können und welche Alternativen verschenkt werden können, möchte ich hier mal erläutern.

Vom Schenken und der Reduktion auf Merkmale

Wer kennt das nicht: Weihnachten steht vor der Tür und man hat immer noch nicht das Geschenk für die wichtige Person X. Seit Monaten kursieren im geistigen Oberstübchen Möglichkeiten und Geschenkideen und für jede gibt es ein Gegenargument. Nichts scheint gut genug zu sein, um Person X zu erfreuen. Wir streben nach dem Gefühl, dass andere uns dankbar sind, für das, was wir Ihnen schenken. Deswegen wird jede Geschenkidee durch eine gedankliche Prüfung geschleust, die sie auf der Dankbarkeitsgala einordnet. Hier mal eine kleine Auswahl aus den Wertungskategorien auf der Dankbarkeitsgala:

  • bringt Freude
  • wird gebraucht
  • ist praktisch
  • sieht gut aus
  • beeindruckt
  • riecht/schmeckt gut
  • ist einzigartig
  • ist preiswert
  • hohe Qualität

Bei so vielen, imaginären Anforderungen an ein einziges Objekt, das am Ende in albernes Papier eingewickelt und mit Ringelschwänzchen versehen überreicht wird, kann einem die Entscheidung schon mal schwerfallen. Da macht es Sinn, sich die Auswahl ein bisschen einzugrenzen.

Vor dem geistigen Auge entsteht ein Bild der zu beschenkenden Person. Sie erscheint mit den Merkmalen, die der schenkenden Person am deutlichsten im Gedächtnis geblieben sind. Da taucht ganz schnell vor dem inneren Auge der Rollstuhl auf. Eine Person, die ein Geschenk sucht, wird bei der Vorstellung einer rollstuhlfahrenden Person, die beschenkt werden soll, schnell auf den Gedanken kommen, etwas zu wählen, was für den Rollstuhl „praktisch“ ist, ihn „stylischer“ macht oder der Person den Alltag sonst wie „erleichtern“ könnte. Der Rollstuhl oder die Behinderung sind nun mal Merkmale, die häufig beachtet werden müssen und somit, zumindest bei regelmäßigem Umgang mit der Person, im Gedächtnis bleiben.

Problematisch ist jedoch, dass die Person mit der Behinderung dadurch auf die Behinderung reduziert wird. Es erscheint der schenkenden Person oft zu weit weg, etwas zu verschenken, das rein gar nichts mit der Behinderung zu tun hat. Unsere Gesellschaft lebt nun mal damit, dass besonders praktische Geschenke oder Geschenke, die irgendetwas „erleichtern“ oder „ermöglichen“, die besten sind. Wir streben nach Perfektion, nach Einhaltung geltender, inoffizieller und oft auch eingebildeter Normen und wer da nicht reinpasst, der muss unterstützt werden, rein zu passen. Dass meine lieben Leute ist feinster Ableismus.

Was spricht sonst noch gegen Reha-Artikel als Geschenk?

Allein die Reduktion auf die Behinderung ist natürlich nicht das einzige Argument, was dagegenspricht, Dinge wie Rollstuhlfahrerhosen zu verschenken. Gerade bei modebewussten Personen (egal ob mit Behinderung oder ohne) ist es fatal, ein Kleidungsstück zu schenken, das am Ende nicht passt oder einfach nicht dem Stil der Person entspricht. Spezielle Reha-Hosen (oder andere Kleidungsstücke) sind auf die praktische Nutzung ausgelegt. Modisch können leider 99,9 % der Hersteller nicht punkten. Und ganz ehrlich, wer trägt denn schon ein Kleidungsstück, das zwar praktisch aber sonst einfach nur hässlich ist?

Kleidungsstücke sind nicht immer die erste Wahl, wenn es um ein Geschenk für Menschen mit Behinderung geht. Auch Hilfsmittel wie Kartenhalterung, Rollator oder Massagegeräte lassen sich gut verschenken. Sie sind oftmals sogar im Discounter erhältlich.

Eine Kartenhalterung ist dabei noch die unproblematischste Geschenkoption dieser drei Vorschläge, zumindest dann, wenn die beschenkte Person Gesellschaftsspiele mag. Hilfsmittel oder Therapie- und Massagegeräte sind da wieder von der eher kritischen Sorte.

Beginnen wir bei Therapie- und Massagegeräten. Rollstuhlfahrer*innen haben ja häufig Probleme mit der Rumpf- und Nackenmuskulatur, weil diese durch das manuelle Anschreiben der Rollstühle besonders beansprucht wird. Das merkt natürlich auch das Umfeld und denkt, es ist vielleicht gut, ein Gerät (z.B. Massagekissen) zu schenken, das die Nackenmuskulatur lockern kann. Das Problem dabei ist, dass in diesem Fall unter Umständen durch die Behinderung oder die bestehende Erkrankung in der Therapie Besonderheiten beachtet werden müssen. Ein Massagekissen, das für Menschen ohne Behinderung entwickelt wurde, kann da unter Umständen noch mehr Probleme verursachen, als es löst. So können sich Druckstellen bilden oder Triggerpunkte getroffen werden, was im schlechtesten Fall weitere Schmerzzustände auslösen kann.

Hilfsmittel wie Rollator, Gehstock oder Greifzange werden häufig an Seniorinnen und Senioren verschenkt. Grundsätzlich ist es so, dass diese Hilfsmittel nicht privat angeschafft werden müssen, sie können von den Krankenkassen bezahlt werden. Sicher, die Krankenkassen bezahlen lediglich das Standardmodell und jeden Luxus, den man sich dafür wünschen könnte, muss man zusätzlich kaufen. Trotzdem ist es so, dass Hilfsmittel regelmäßig überprüft und gewartet werden, dass bezahlt die Krankenkasse, wenn das Hilfsmittel schon von der Krankenkasse bezahlt wurde. Soll dies bei einem privat gekauften Hilfsmittel gemacht werden, muss der Nutzer oder die Nutzerin diese Kosten selbst tragen. Da viele Menschen mit Behinderung oder auch Seniorinnen und Senioren nicht genug Geld haben, um Hilfsmittel, die privat gekauft wurden warten zu lassen, erscheint dies als eher gefährlich und sinnlos, als hilfreich.

Was jedoch eine gute Option ist, viele Hilfsmittel, z.B. ein Elektrorollstuhl wird von der Krankenkasse standardmäßig nur mit einer Geschwindigkeit von 6 KM/H bezahlt. Gerade selbstbestimmt lebende Menschen mit Behinderung wünschen sich oft schnellere Gefährte. Dies ist möglich, mit einer privaten Aufzahlung. Wie wäre es also, einen selbst gebastelten Gutschein zu schenken, auf dem steht, dass eine notwendige Aufzahlung für einen schnelleren Elektrorollstuhl geschenkt wird?

Hinweis: Dies ist natürlich nur sinnvoll, wenn eine Neuversorgung mit einem Elektrorollstuhl ansteht.

Wie beschenke ich einen Menschen mit Behinderung?

Eigentlich müsste die Frage heißen „wie beschenke ich einen Menschen?“. Denn ableismusfreies Schenken ist gar nicht so schwer. Das Einzige, was dazu benötigt wird, ist die Bereitschaft der schenkenden Person, sich davon freizumachen, die Person auf ihre Behinderung zu reduzieren oder sie in irgendeiner Form „unterstützen“ zu wollen.

Grundsätzlich gilt, wenn sich die Person mit Behinderung etwas wünscht (egal ob Reha-Artikel oder nicht) ist es ratsam, den Wunsch zu erfüllen. In diesem Fall findet keine Reduktion auf die Behinderung statt, denn in dem Falle, dass sich eine Person etwas explizit wünscht, wird ein Wunsch erfüllt und nicht einfach mal irgendetwas für die Behinderung gekauft.

Ich präsentiere ein paar Anregungen für den Fall, dass sich die Person mit Behinderung nicht explizit etwas gewünscht hat:

  • Schenke einer modebewussten Dame mit Behinderung doch ein gut riechendes Parfüm, einen schönen Lippenstift oder ein hübsches Dekoobjekt für die Wohnung (kein Kinderspielzeug!).
  • Schenke einem rollstuhlfahrenden Weinkenner doch eine gute Flasche Rot- oder Weißwein.
  • Schenke einem Kind, das blind ist ein Buch, dass es anhören oder fühlen kann (gibt es auch außerhalb des Reha-Fachgeschäfts).
  • Schenke der Person mit Behinderung etwas, dass sie sich wünscht (Fragen kostet nichts).

Ja, ich weiß, wenn man eine Person fragt, was sie sich z.B. zu Weihnachten wünscht, bleibt das Geschenk keine Überraschung mehr. Aber ganz ehrlich, was haben wir denn alle von Überraschungen?

Stress beim Umtauschen!

Ist es da nicht viel sinnvoller, wenn der/die Andere schon weiß, was er oder sie zu Weihnachten bekommt und aber somit das lästige Umtauschen zwischen den Jahren wegfällt? Für mich persönlich wäre das allein schon das beste Geschenk, nicht nur während der Corona-Pandemie.

Ableismus beginnt mit der Verpackung

Weihnachtsgeschenke, Geburtstagsgeschenke, Ostergeschenke und was es auch sonst noch für Geschenktage gibt, alle haben eines gemeinsam, Geschenkpapier und Ringelschleife. Manche Geschenke sind so fest zugeklebt, dass selbst ein darüber hinweg rollender Panzer die Verpackung nicht zerstören würde. Jetzt stelle man sich eine Person mit Muskelerkrankung vor, die ein solches Paket öffnen soll. Klar könnte eine andere Person, mit der gemeinsam das Freudenfest gefeiert wird, das Paket für die beschenkte Person mit Muskelerkrankung öffnen. Aber reden wir nicht immer davon, das maximale Maß an Selbstbestimmung zu leben? Warum soll die Selbstbestimmung an der Geschenkverpackung aufhören? Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, wie ein Paket hübsch und anlassgemäß verpackt werden kann und trotzdem einigermaßen barrierefrei auszupacken ist.

Überraschung! 5 kg Geschenkpapier, 3 kg Klebeband und 12 m Geschenksschleife ergeben keine, barrierefreie Geschenkverpackung, zumindest für eine Person mit schwachen Muskeln nicht.

Wie man dem Beispiel schon ansieht, die Barrierefreiheit einer Geschenkverpackung ist immer relativ. Jede Person mit Behinderung hat andere Einschränkungen. Hier ist es wichtig, aus der Beobachtung der Person herauszufinden, welche Verpackung für ein Geschenk im individuellen Fall barrierefrei ist oder sein könnte. Ist man/Frau sich unschlüssig, so hilft es, die Person selbst oder Angehörige/Bekannte/wer auch immer zu fragen oder im Zweifel die einfachste, der im Raum stehenden Möglichkeiten zu wählen.

Hinweis: Gerade Eltern mit behinderten Kindern nutzen Geschenkverpackungen häufig auch dafür, die Feinmotorik ihrer Kinder mit Behinderung zu fördern. In diesem Fall ist das sogar sinnvoll, solange es in einem Maß bleibt, das beim beschenkten Kind keinen übermäßigen Frust auslöst. Hier ist die Abstimmung mit den Eltern von hoher Wichtigkeit.

Geschenke aus der Behindertenwerkstatt

Unglaublich oft wurden mir auch schon Geschenke gemacht, die in einer Behindertenwerkstatt hergestellt wurden. Ich hörte dazu oft Aussagen wie folgende:

„Schau mal, das wurde von Leuten gemacht, die sind wie du.“

„Ich habe beim Kauf des Geschenks sogar noch andere Behinderte unterstützt.“

„Schau mal, das haben andere Behinderte gemacht, hättest du gedacht, dass die so etwas können?“

Es erscheint lobenswert, wenn eine Person versucht an Weihnachten auch mal Gutes zu tun. Doch Behindertenwerkstätten sind ein System, das nichts mit Inklusion, mit Selbstbestimmung und schon gar nicht mit fairer Arbeit zu tun hat. Behinderte Menschen arbeiten „unter ihresgleichen“ für ein sogenanntes „Taschengeld“. Dieses Taschengeld beträgt rund 120 € im Monat, was einen Stundenlohn bei einer Vollzeitstelle von ca. 1€ ergibt. Von dem Geld, was z.B. auf Weihnachtsmärkten durch den Verkauf solcher Produkte eingenommen wird, sehen die herstellenden Personen nichts, zumindest nichts was über das monatliche, regulär ausgezahlte „Taschengeld“ hinausgeht. Es ist auch mitnichten so, dass in einer Behindertenwerkstatt nur Menschen mit Behinderung arbeiten, die auf dem normalen Arbeitsmarkt „keine Chance“ hätten. Es arbeiten auch Menschen mit Behinderung dort, die auf dem normalen Arbeitsmarkt arbeiten könnten, wenn man diese Tätigkeiten nicht an eine Behindertenwerkstatt abgeben würde und/oder wenn diese Menschen Zugang zu individueller Unterstützung hätten. So könnte z.B. ein Werkzeughersteller auch direkt eine Person mit Behinderung einstellen, die dafür zuständig ist, dass alle Schrauben ordentlich sortiert sind. Warum wird das nicht gemacht? Weil eine sozialversicherungspflichtige Anstellung eines Menschen mit Behinderung mehr kostet, als eine Behindertenwerkstatt zu beauftragen, die den Arbeiter*innen lediglich ein „Taschengeld“ bezahlen muss.

Ich persönlich rate immer davon ab, Dinge zu verschenken, die explizit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gefertigt wurden. Wenn man Menschen mit Behinderung in der Weihnachtszeit finanziell unterstützen möchte, gibt es andere Möglichkeiten.

Eine davon sind selbstständige Menschen mit Behinderung, die z.B. als Künstler*innen arbeiten. Wenn der Mensch mit Behinderung direkt die Rechnung ausstellt, kann man/Frau sicher sein, dass das Geld auch bei der Person mit Behinderung direkt ankommt.

So, jetzt haben wir einiges über ableismusfreies Schenken gelernt. Bestimmt gibt es einiges, was man noch tun kann, um Geschenke so barrierefrei, ableismusfrei und fair wie möglich zu gestalten. Habt ihr weitere Ideen oder lustige Geschichten von vergangenen Festtagen und ableistischen Geschenken? Ich freue mich über eure Kommentare 🙂

1 Kommentar zu „Geschenke für Menschen mit Behinderung – Tipps für ableismusfreies Schenken

  1. Ich bin ein bisschen entsetzt wegen diesem Artikel.. Nicht weil du ihn geschrieben hast, sondern weil es notwendig war, ihn schreiben zu müssen… Manche Dinge, von denen du erzählst..ich frage mich echt, wie man so wenig nachdenken kann, dass man solche Äußerungen tätigt (beispielsweise aus dem Abschnitt mit den WfMB). Ich schäme mich für alle Nicht-Behinderten, die so etwas tun bzw sagen.. :/

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