24h Pflege für Senioren – Modell der Ausbeutung

Foto: Andi Weiland via Gesellschaftsbilder.de für Fürst-Donnersmarck-Stiftung

Aus Gründen der Lesbarkeit verwendet dieser Artikel die männliche Umgangsform. Die Verwendung dieser Umgangsform ist nicht bezeichnend für ein Geschlecht, dass eine Person haben muss. Der Artikel ist ausdrücklich genderneutral gemeint!

Senioren haben es in Deutschland nicht leicht. Die Rente ist niedrig, Familie ist nicht jedem etwas wert und wenn dann der Körper auch nicht mehr ganz so möchte, wie er soll und Pflegebedürftigkeit auftritt, so bleiben häufig nur drei Möglichkeiten:

der ambulante Pflegedienst

das Pflegeheim

oder

eine osteuropäische Pflegekraft.

Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum?

Ab Pflegegrad 2 steht dem Versicherten das sogenannte Pflegegeld zu. Ebenso Leistungen wie Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege und die Pauschale für Pflegehilfsmittel. Die Höhe des Pflegegeldes errechnet sich aus dem Pflegegrad. Dieses ist dazu gedacht, dass der Versicherte sich die Hilfe, die er im Alltag braucht, „einkaufen“ kann.

Das Problem daran ist, dass die Höhe des Pflegegeldes nicht ausreicht, um eine rund um die Uhr Betreuung auf fairer, finanzieller Basis finanzieren zu können. Deshalb müssen es günstige Arbeitskräfte sein. Diese finden einschlägige Agenturen in Osteuropa. Sie akquirieren dort ausgebildete Pflegefachkräfte und vermitteln diese in deutsche Haushalte. Dort werden die entsprechenden Personen für einige Monate leben, die pflegebedürftige Person betreuen, pflegen und eventuell den Haushalt machen.

Problematisch aus der Sicht des Pflegebedürftigen ist dabei, dass deutsche Arbeitsschutzgesetze, die maximale Schichtlängen vorschreiben ausgehebelt werden. Somit arbeitet die Pflegekraft offiziell ohne Pausen, freie Tage o. ä. (wird von Haushalt zu Haushalt unterschiedlich gehandhabt). Das ist nicht nur für die Arbeitskraft ungesund, sondern auch gefährlich für die pflegebedürftige Person. Je länger eine Arbeitsschicht dauert, desto unaufmerksamer und gleichgültiger werden Menschen nun mal. Das kann dazu führen, dass Pflegefehler entstehen, die schwerwiegende Folgen haben können.

Ebenso problematisch, diesmal aber aus der Sicht der angeheuerten Pflegefachkraft ist, dass die Bezahlung mehr als schlecht ist. Das zur Verfügung gestellte Pflegegeld beträgt bei Pflegegrad 5 maximal 901 € im Monat, bei niedrigerem Pflegegrad noch weniger. Daraus resultiert also bei Pflegegrad 5 ein Stundenlohn von 1,23 €. Bedenken wir jetzt, dass die meisten Vermittlungsagenturen Gebühren für die Vermittlung verlangen oder eben nicht das gesamte Pflegegeld an die Pflege- oder Betreuungskraft weitergibt, so verringert sich der Stundenlohn weiter. Sicher, dieses Beispiel ist sehr vereinfacht, es dient allein zum Verständnis der Problematik.

Alternativen zur Ausbeutung osteuropäischer Pflegekräfte

Die Pflege zu Hause, das wollen wir alle, wer möchte denn nicht so lange wie möglich in seiner gewohnten Umgebung bleiben? Damit das gelingen kann ist es nicht zwingend notwendig, eine Pflegekraft aus dem Ausland maßlos vorbei an Arbeitsschutz und Mindestlohn, auszubeuten.

Das persönliche Budget:

Das persönliche Budget ist nicht nur für junge Menschen mit Behinderung eine gute Option, auch Senioren haben die Möglichkeit durch das persönliche Budget ihrer Betreuungs- und Pflegekräfte zu finanzieren und fair zu bezahlen. Es gibt keine Altersgrenze, auch wenn es in der Berichterstattung und der Beratung rund ums Budget hauptsächlich um jüngere Menschen mit Behinderung geht. Über das persönliche Budget ist es dann sogar möglich, da die Leistung je nach Bedarf individuell kalkuliert wird, den Arbeitsschutz einzuhalten, Sozialabgaben zu leisten und faire Löhne zu bezahlen. Außerdem können mehrere Kräfte eingestellt werden, dadurch wird auch das Arbeitszeitgesetz nicht mehr zum Problem.

Warum ist das persönliche Budget bei Senioren so unbekannt?

Diese Frage beschäftigt mich schon sehr lange. Da das persönliche Budget aufgrund seiner Individualität eine schwierig zu beantragende Leistung ist, auch weil verschiedene Kostenträger infrage kommen, schrecken viele davor zurück. Auch die allgemeine Beratung von Senioren, die sie von der Krankenkasse oder sonstigen Beratungsträgern bekommen, berät häufig in Richtung osteuropäische Pflegekräfte. Die Krankenkassen höchst wahrscheinlich aus rein wirtschaftlichem Interesse (das persönliche Budget wäre viel teurer, wenn sich der Versicherte aktiv dafür entscheiden würde) und die Beratungsträger haben entweder selbst wirtschaftliche Interessen daran oder wissen es nicht besser.

Wichtiger Hinweis: Senioren, die in einem Eigenheim leben müssen beim Persönlichen Budget ein bisschen aufpassen. Solange die Leistung von der Krankenkasse kommt gibt es keine Probleme. Sollte das Sozialamt (Hilfe zur Pflege oder Teilhabe) mit ins Spiel kommen, kann es sein, dass Vermögenswerte angerechnet werden. Befragen Sie hierzu bitte einen Experten!

Es gibt viele Fallen, in die man beim Persönlichen Budget treten kann. Vor allem wenn Angehörige die Pflege eines lieben Verwandten organisieren müssen, spielt auch der Aufwand der Organisation eine große Rolle. Es ist einfach, eine Agentur mit der Suche einer Person zu beauftragen, die dann einzieht und sich um alles kümmert. Es müssen keine Dienstpläne geschrieben werden, keine Abrechnungen gemacht werden, lediglich die Überweisung des Geldes muss der Versicherte oder der Angehörige übernehmen. Das persönliche Budget ist in dieser Hinsicht aufwendiger aber auf jeden Fall lohnenswert. Es ist wichtig, dass Pflegebedürftige und Angehörige wissen, dass es diese Möglichkeit gibt, dass sie eine faire Bezahlung gewährleistet (das persönliche Budget schließt nicht aus, dass Kräfte aus dem Ausland eingestellt werden, solange deutsche Gesetze eingehalten werden) und dem pflegebedürftigen Menschen ein selbstbestimmtes Leben im Alter sichert.

Warum ist das Thema 24h-Pflege gerade aktuell?

Das Thema Pflege verliert nie an Bedeutung. Trotzdem ist es aktuell so, dass gerade dieses umstrittene Modell der Pflege jetzt auch die Gerichte beschäftigt. Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hat am 17. August 2020 entschieden, dass eine Pflegekraft, die im Haushalt des Pflegebedürftigen wohnt, mindestens 21 Stunden Mindestlohn am Tag bekommen muss. Diese Entscheidung hat zur Folge, dass das Pflegegeld allein zur Finanzierung dieser Art der Pflege nicht mehr ausreichend ist. Der Mindestlohn in der Pflege liegt in Deutschland bei 11,35 €.

Woraus resultiert, dass Betreuung und Pflege pro Tag schon mindestens 238,35 € kostet. Auf den Monat gerechnet wären das 7150 €.

Nicht einmal wenn zum Pflegegeld die Verhinderungspflege und die Kurzzeitpflege hinzugezogen würden, wäre ein versicherter Pflegegrad 5 oder niedriger in der Lage, einen Monat eine osteuropäische Pflegekraft zu finanzieren.

Kritiker sagen nun, dass Senioren, die sich privat die Pflege nicht leisten können, direkt ins Pflegeheim abgeschoben werden.

Befürworter sagen, dass Pflege endlich etwas wert ist. Leider immer noch zu wenig.

Ich sage: Pflege zu Hause ist möglich, wenn alle Pflegebedürftigen umfassend, korrekt und finanziell beraten werden. Wenn sie bei der Organisation unterstützt werden und vielleicht die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung umstrukturiert (optimiert) und erhöht werden.

Gute Pflege kostet nun mal Geld!

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