Im Rollstuhl mit dem öffentlichen Nahverkehr durch Berlin – alles eine Frage der Taktik

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Seit knapp 10 Monaten wohne ich jetzt in Berlin. Im Vergleich zur, doch eher ländlichen Gegend, meiner Vergangenheit, der totale Kulturschock. Durchschnittlich alle 5 Minuten fährt vor meiner Wohnung eine Straßenbahn in Richtung Mitte. Alle 15 Minuten fährt eine S-Bahn vom nahe gelegenen S-Bahnhof zum Ostbahnhof. Die Barrierefreiheit in Berlins öffentlichem Nahverkehr ist meiner Meinung nach zwar nicht perfekt, trotzdem um Längen besser als in vielen, anderen, Städten in Deutschland.

Fahrzeuge und Routen

Fast jede Linie, egal ob Tram, Bus oder U-Bahn kann ich problemlos mit Rollstuhl nutzen. Rampen, für das überwinden der bestehenden Schwelle sind überall verfügbar. Sicherlich ist die Nutzung dieser nicht die allerliebste Beschäftigung der Fahrer, mir persönlich ist es egal, ob ich von diesem angeschnauzt werde, weil ich Extrawünsche habe, wenn ich die Rampe brauche, bekomme ich die Rampe. Das mag jetzt grundsätzlich erst mal ziemlich ignorant klingen, also krass ist es jedoch nicht, versicherungstechnisch ist es eben die Aufgabe des Fahrers, den Bus zu bedienen, und somit auch die Rampe. Wenn meiner Assistenz beim Klappen der Rampe etwas passiert sind wir nicht versichert. Der Busfahrer schon. Außerdem ist er offiziell in die Bedienung eingewiesen und hat somit deutlich mehr Fachwissen als meine Assistenz und ich zusammen.

Viele Routen in Berlin sind auch von Touristen sehr frequentiert. Die BVG schrieb mir auf Twitter, dass im Jahr 2018 durchschnittlich 2,9 Millionen Fahrgäste pro Tag befördert werden. Diese Zahl bezieht sich natürlich nicht nur auf Einheimische, viele Touristen nutzen Bus und Bahn ebenfalls. Somit ist es nicht verwunderlich, dass ein Rollstuhlfahrer taktisch klug vorgehen muss, um sich einen Platz zu sichern. Ein Beispiel:

Auf meinem Weg zur Schule muss ich zweimal umsteigen. Laut der Routenplaner App am besten einmal in Mitte und einmal direkt am Hauptbahnhof. Wie man sich natürlich denken kann, ist vor allem der Hauptbahnhof zum Umsteigen für Rollstuhlfahrer der blanke Horror. Die Bushaltestelle in Richtung Charlottenburg wird von sehr vielen Linien verwendet. Nicht nur von meiner Stammlinie, nein auch die Linie zum Flughafen Tegel nutzt diesen Bussteig. Dementsprechend viele Menschen stehen immer dort. Wenn man aber vom Busfahrer gesehen werden möchte, reicht an dieser Haltestelle freundlich Winken nicht. Selbst wenn man mit Höchstgeschwindigkeit im Slalom durch die Menschenmenge fährt, ist es als Rollstuhlfahrer unmöglich einzusteigen, bevor der Bus bis unters Dach mit Menschen gefüllt ist.

Ungefähr 3 Wochen habe ich dieses Szenario durchgezogen. Dann kam ich auf die Idee, dass mein Bus schon an der Haltestelle vor dem Hauptbahnhof ebenso hält. Da kommt er frisch von der Pause und ist somit jungfräulich und leer. Auch an dieser Haltestelle gibt es natürlich mehrere Linien, es stehen jedoch nur selten viele Menschen dort, um einzusteigen. Ich werde gesehen und somit kann der Busfahrer, bevor er die Einstiegstür öffnet hinten in aller Ruhe die Rampe ausklappen und mich einsteigen lassen.

Ersatzrouten

Viele Wege führen nach Rom. Rom ist zwar nicht Berlin, trotzdem trifft dieser Satz wunderbar auf die Situation in Berlins öffentlichem Nahverkehr zu. Häufig kommt es vor, dass man aus verschiedenen Gründen nicht umsteigen kann, egal ob ich versehentlich weitergefahren bin oder ob ich durch bauliche Veränderungen plötzlich einen Bahnsteig nicht mehr benutzen kann, es gibt immer eine Alternative. Mittlerweile habe ich insgesamt 5 verschiedene Möglichkeiten zu meiner Schule zu gelangen. Es ist wichtig, für den Fall der Fälle Alternativen parat zu haben, Pannen, Verspätungen oder Zugausfälle gibt es regelmäßig. Um trotzdem pünktlich am Ziel anzukommen muss man auch manchmal spontan sein.

Baustellen – verwirrend nicht nur für den Passagier

In Berlin wird viel gebaut. Auch die Gleise der Tram, die Tunnel der U-Bahn, alles muss gewartet und instandgehalten werden. Sperrungen, Umleitungen und Schienenersatzverkehr stehen somit auf der Tagesordnung. Vor allem bei Rollstuhlfahrern sorgen bauliche Veränderungen immer wieder für Wutanfälle, Panikattacken und dunklen Humor. Erst im Frühjahr hat die BVG zwischen Greifswalder Straße und Mollstraße/Otto-Braun-Straße gebaut. Die Gleise wurden meiner Einschätzung zufolge um einige Zentimeter versetzt. Die Baumaßnahmen wurden planmäßig beendet, ich als Rollstuhlfahrer (Elektrorollstuhl kann jetzt nicht mehr an den Haltestellen zwischen den genannten umsteigen, da der Bahnsteig nicht von allein den Gleisen hinterhergelaufen ist. Gerade wenn die älteren Modelle der Straßenbahn, welche selten über eine Klapprampe verfügen, an dieser Haltestelle hält, besteht eine große Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante. Nicht nur für Rollstuhlfahrer, nein auch für ältere Menschen und Kinderwagen ist das ein Problem. Ich persönlich musste diese Haltestellen größtenteils von meinem Plan streichen, die Lücke ist einfach zu groß und die Gefahr hängen zu bleiben somit auch. Schade, dass man sich somit die Barrierefreiheit auch kaputtmachen kann.

Wir alle lieben sie, die Aufzüge

Eines haben alle Städte öffentlichen Nahverkehr gemeinsam, Aufzüge. Regelmäßig regen wir uns darüber auf, dass sie kaputt sind oder von gehfähigen Läufern besetzt werden. Schön wäre es, wenn jeder vorab die Aufzugsituation überprüfen könnte. Man würde Zeit, Nerven und Energie sparen, wenn die Route um kaputte Aufzüge herum geplant werden könnte. Hier in Berlin ist dies größtenteils möglich. Auf der Plattform www.brokenlifts.org lässt sich mit recht hoher Zuverlässigkeit vorab überprüfen, ob ein Aufzug auf der Strecke ausgefallen ist. Klar, Perfektion gibt es nicht, die Gefahr vor einem unangemeldeten, kaputten Aufzug zu stehen besteht natürlich immer noch. Man kann jedoch das Risiko verringern. Wenn jeder, der plötzlich vor einem kaputten Aufzug steht diesen über die Plattform meldet, können wir gemeinsam das Risiko einer Überraschung mildern.

Für eure Stadt gibt es ein ähnliches Projekt? Lasst uns diese gerne in den Kommentaren auflisten.

Die Alternative Sonderfahrdienst

Hier in Berlin und in wenigen, weiteren deutschen Städten gibt es, für speziell berechtigte Bewohner dieser Stadt, den Sonderfahrdienst. Als schwerbehinderter Mensch kann man für Freizeitfahrten also einen Fahrdienst ordern, welcher für die Beförderung behinderter Menschen von den Sozialämtern bezahlt wird. Es handelt sich um eine deutlich günstigere Alternative zum Taxi. Rollstuhltaxis sind häufig sehr teuer, kaum ein behinderter kann sich das leisten, gerade wenn er regelmäßig den Dienst in Anspruch nehmen möchten. Der Sonderfahrdienst wird wie schon erwähnt größtenteils von den Sozialämtern bezahlt, lediglich eine geringe Eigenbeteiligung ist notwendig. Den Berliner Sonderfahrdienst erreicht man über die Webseite https://www.sfd-berlin.de/online-bestellung/

Fazit

Zusammenfassend kann man aber sagen, dass die Barrierefreiheit der Öffis in Berlin sehr gut ist. Klar, nicht jede Bahn ist barrierefrei, gerade Nebenstrecken verfügen zum Großteil noch über Straßenbahnen mit Treppen. Meiner Beobachtung zufolge werden diese aber zunehmend weniger, somit blicke ich positiv in die Zukunft. Mit der richtigen Taktik kann man aber diese Strecken und stark frequentierte Haltestellen meiden. Ich fahre meistens ganz entspannt durchs Berliner Stadtgebiet. Ist man ein Ziel nicht erreichbar, so nutze ich den Sonderfahrdienst. Dieser kann übrigens auch helfen, wenn der Elektrorollstuhl unterwegs den Geist aufgibt.

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