Schaust du wirklich in meine Welt?

Bildquelle: Gesellschaftsbilder.de
Fotograf: Andy Weiland

Selbstexperimente sind eine gängige Recherchemethode. Gefühlt jeder Journalist und Fernsehreporter hat schon mal einen Tag im Rollstuhl verbracht. Realistisch sind die gewonnenen Eindrücke beim besten Willen nicht. Woran liegt das und wie kann das geändert werden?

„Jenke von Wilmsdorff als Pflegefall“

Jenke von Wilmsdorffs neuestes Selbstexperiment (ausgestrahlt am 9. Dezember 2019) war eines der intimsten, die es je gegeben hat. In drei verschiedenen Rollen schaut der Reporter in die Welt der Pflegebedürftigen. Ich bin selten begeistert von RTL-Produktionen und auch selten von Selbstexperimenten. Dieses jedoch gefiel mir dieses extrem gut.

Jenkes erste Station war die Assistenzpflege. Er sollte, die Pflege einer querschnittgelähmten Frau übernehmen. Selten war ich so dankbar darüber, dass ein Mensch ungefiltert seine Gedanken in die Kamera spricht. Die persönliche Assistenz beinhaltet auch häufig intime Situationen. Die Unsicherheit, welche bei neu eingestellten Assistenten und Assistentinnen in solchen Situationen entstehen kann, ist normal und es ist wichtig, dass man darüber spricht. Es ist jedoch für mich zumindest ein großer Unterschied, ob der eingestellte Assistent nicht nur einen Altersunterschied zu mir hat, sondern auch unter Umständen vom anderen Geschlecht ist. Für mich persönlich entstehen dann die größten Unsicherheiten, das hat man auch zwischen Jenke und der Assistenznehmerin gespürt.

Die zweite Stufe des Experiments zeigte den Reporter als Altenpfleger. Alles was ich gesehen habe, habe ich so erwartet, dieser Teil war für mich überhaupt keine Überraschung. Die Aussagen, es gäbe zu wenig Zeit für die Versorgung, zu wenig Pflegekräfte usw. hört man ja sowieso täglich.

Wieder deutlich interessanter wurde der dritte Teil des Experiments … Jenke als Pflegefall. Durch Schienen und Gips behindert lebte er fünf Tage im Pflegeheim. Auch hier war ich wieder sehr dankbar darüber, dass er Ängste und Zweifel komplett offen und ungefiltert an die Kamera weitergegeben hat. Es wurde sehr deutlich, was auch viele frisch Betroffene denken, wenn sie plötzlich zum Pflegefall wurden. Das einzige, das mich an diesem Teil des Experiments gestört hat, war, dass gesagt wurde, er würde in den Zustand von Pflegegrad 5 versetzt werden. Kein Problem, realistisch ist das schon, denn durch den kompletten Ausfall der Arme und Beine kann Pflegegrad 5 auch bei kognitiv uneingeschränkten Personen erreicht werden. Da er jedoch trotz Schienen und Gips in der Lage war, einen Klinikrollstuhl selbst zu fahren, trifft für mich Pflegegrad 5 noch nicht zu. Hierzu hätte man meines Erachtens noch mehr Hand- und Armfunktion lahmlegen müssen.

Wie realistisch sind Eindrücke nach Selbstexperimenten?

Meines Erachtens können Selbstexperimente in keinster Weise einen Einblick in das wahre Leben als Betroffener geben. Egal ob es sich um ein Experiment als Pflegefall, als Rollstuhlfahrer oder Drogensüchtiger handelt, der Reporter kennt sich auf dem Experimentgebiet nicht gut aus. Ihm fehlen Informationen über technische Möglichkeiten und Zugänge zu Nachteilsausgleichen, die wir als Mensch mit Einschränkung erhalten können. Außerdem ist häufig die technische Ausstattung der Experimente nicht den realen Bedingungen entsprechend.

Die ausgeliehenen Rollstühle haben häufig eines gemeinsam, es handelt sich um Modelle, die sonst eher im Pflegeheim zu finden sind. Das liegt daran, dass sie nicht für aktive Rollstuhlfahrer im Alltag geeignet sind. Sie sind robust, leicht zu reinigen und meistens so groß, dass jeder reinpasst.  Ein Modell dieser Art im regulären Straßenverkehr zu manövrieren ist schlichtweg unmöglich. Das Gewicht und die Unhandlichkeit dieser Modelle verhindern die aktive Nutzung durch den Fahrer. Wir Dauerrollstuhlnutzer verfügen meist über schnittige, hochwertige und auf uns angepasste Rollstühle. Diese sind wendig, lassen sich leicht fahren und verfügen, wenn nötig auch über Systeme, welche anderweitige Defizite ausgleichen können.

Können eigentliche Läufer der Versuchung widerstehen, die Stufen „mal schnell“ zu Fuß zu überwinden? Ein Drehplan ist meistens straff geschnitten, Zeit eine Rampe zu suchen ist da selten. Wenn die Kamera geradeaus ist, so bekommt der Zuschauer eher nicht mit, ob diese Treppe zu Fuß oder im Rollstuhl überwunden wurde. Wie viele Journalisten und Reporter in diesem Fall schon geschummelt haben werden wir wahrscheinlich nie erfahren.

Eine gewisse Übung ist für das sichere Fahren im Straßenverkehr übrigens auch sehr notwendig. Nutzt man regelmäßig vier Räder, um sich fortbewegen zu können, so erlangt man diese Übung von ganz allein. Wer diese Geduld nicht hat oder sich trotzdem unsicher fühlt, der kann einen Mobilitätskurs besuchen. Ein Reporter, der sich mal ein paar Tage in den Rollstuhl setzt, kann das nicht und scheitert somit schon an dem kleinsten Bordstein, den er überwinden soll. Der Reporter kann nicht wissen, dass manche Bordsteine sich besser rückwärts überwinden lassen oder wie man einen Rollstuhl ankippt, ohne damit direkt nach hinten zu fallen.

Eine Szene, die in fast jedem dieser Selbstexperimente zu finden ist, ist der kaputte Aufzug. Ein unwissender Journalist steht dann mit seinem Rollstuhl einfach davor und kommt nicht weiter. Ein routinierter Rollstuhlfahrer prüft vor der Abfahrt (wenn regional möglich) die Funktionalität des Aufzugs in Onlineportalen. Dass es diese gibt kann der Experimentierende natürlich nicht wissen.

Ich kann durchaus verstehen, warum es für die Recherche interessant sein kann, einen Ausflug auf vier Rädern zu machen. Es ist löblich, dass man versucht, sich ein Bild der Welt des Anderen zu machen, um diese darstellen zu können. Ein realistisches Bild gewinnt man dadurch jedoch eher nicht. Es fehlen zu viele Know-hows, die ein Routinier mit der Zeit aufbaut. Realistischer kann ein Experiment dieser Art werden, wenn der Journalist mit einem Rollstuhlfahrer unterwegs ist, der sich vielleicht schon ein bisschen auskennt. Denn die Strategien aufzeigt, die mit der Zeit entwickelt werden, um die Probleme des Alltags abzumildern. Die allerbeste Lösung jedoch wäre das Einsetzen eines Journalisten mit der entsprechend, gewünschten Lebenserfahrung. Nur ein Betroffene selbst ist in der Lage, seine Welt in authentischster Art und Weise darzustellen.

3 Kommentare zu „Schaust du wirklich in meine Welt?

  1. Liebe Laura, deine Argumentation ist völlig schlüssig. Doch wenn zur besten Sendezeit auf RTL ein nicht behinderter Journalist den Pflegenotstand auf diese Weise verdeutlicht, so hat das zumindest die Wirkung, dass sein Publikum darauf aufmerksam wird. Das ist doch schon was … Franz

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